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Gegen die Wand

Von Kathrin Klausing

Die Erfahrungen, die man als muslimische Frau in Deutschland mit Gebetsräumen und Moscheen sammelt unterscheiden sich wohl in einigen Bereichen von denen, die muslimische Männer machen. Dies liegt zu einem großen Teil an teils unbewussten Vorstellungen in den unterschiedlichen Gemeinden über das Verhältnis der beiden Geschlechter untereinander, Geschlechterrollen und somit der Geschlechtertrennung.

Durch die Verteilung der Gebete über den ganzen Tag und einen aktiven Alltag sind viele Muslime – Frauen wie Männer – darauf angewiesen, ihre Gebete unterwegs auf der Arbeit, in der Uni, auf der Reise, beim Einkaufen, spazieren usw. zu verrichten. Obwohl sich jeder saubere Ort für das Gebet eignet, greift man gerne auf die Moschee oder Gebetsräume an der Uni oder der Bibliothek zurück, da diese Ruhe, Sauberkeit und Möglichkeiten für die rituelle Waschung (wudu) bieten.

Erfahrungswelten muslimischer Frauen

Sucht man als Frau eine unbekannte Moschee oder einen Gebetsraum auf, so geschieht dies aufgrund negativer Erfahrungen nicht ganz sorgenfrei. Im folgenden seien ein paar Erfahrungen nacherzählt, die sich so bei mir oder innerhalb meines Bekanntenkreises ereignet haben.

  • Vor dem Gebetsraum an der Uni: Vor dem einzigen Gebetsraum an der Uni herrscht wie gewohnt Andrang zwischen den Vorlesungen. Frauen und Männer teilen sich den winzigen Gebetsraum in der Art, dass sie in Gruppen nacheinander beten. Ist eine Gruppe Frauen also mit dem Gebet fertig, so kann der Raum dann von den draußen wartenden Männern genutzt werden usw. Der Gebetsraum wird nach den Gebeten auch zum Koranlesen oder auch einfach zu gemütlichem Beisammensitzen genutzt. Es ist keine Seltenheit, dass Männer diesen Raum dafür nutzen und Frauen an der Tür abweisen und ihnen das Gebet verweigern. Auf das Drängen der Frau hin, dass sie so aber die Zeit für das Gebet verpassen würde, erhält sie die Antwort, dass sie sowieso nichts an der Uni verloren hätte und ihre Gebete bitte zuhause verrichten sollte. Tür zu.
  • In der Moschee: Zwei Frauen sind zur Gebetszeit in der Nähe einer großen Moschee in der Stadt und wollen hier das Gebet in der Gemeinschaft verrichten. Die Moschee verfügt über eine Frauenempore, die die Frauen nutzen wollen. Dies ist aufgrund von Bauarbeiten aber nicht möglich. Die beiden Frauen stellen sich also im Hauptgebetsraum in den hinteren Teil und beten hinter den Männern. Danach sieht sie ein Mann aus den vorderen Reihen und sagt: “Wegen euch ist mein Gebet jetzt ungültig geworden und ich muss nachbeten.”
  • Beim Abendgebet in der Moschee: Eine Gruppe Muslime betet das Abendgebet in einer kleinen Hinterhofmoschee. Sie verfügt nur über einen Hauptraum. Eine kleine Gruppe Frauen stellt sich an die hinterste Wand und betet das Abendgebet im selben Raum mit den Männern, die vorne beten. Noch im Gebet sieht eine der Frauen wie ein zu spät kommender Mann sich grade zu den anderen Männern stellen will, um mit ihnen zu beten. Der Mann sieht die Frauen, bleibt stehen und macht auf der Ferse kehrt und verlässt die Moschee.
  • Unterwegs: Eine Frau möchte das Mittagsgebet verrichten und sucht deshalb eine große Moschee auf. Der Gebetsraum für Frauen ist dieses Mal ungewohnterweise verschlossen. Einer der Anwesenden Männer informiert sie freundlich, dass heute keine Frauen in der Moschee sind und es somit keine Möglichkeit für sie gäbe in dieser Moschee zu beten.

Vorstellungen über Frauen

Diese Erfahrungen, die immer wieder mal vorkommen, machen zwei Dinge deutlich. Zum einen gibt es die Vorstellung, dass der Gottesdienst der Frau – hier das Gebet – nicht so wichtig wäre wie der des Mannes. Es also vertretbar wäre, wenn eine Frau eine fundamentale religiöse Pflicht vernachlässigen würde. Zum anderen kommt hier die Ansicht zum Ausdruck, dass Frauen, die ihrer religiösen Pflicht nachgehen und auf das Recht der Ausübung beharren, etwas Störendes sind.
Es handelt sich bei solchen Vorstellungen nicht einfach nur um persönliche Einstellungen, sondern sie werden von nicht wenigen Muslimen als genuin islamische Sichtweisen angesehen. Dies macht es auch so schwierig, über die Absonderung von Frauen in den Moschee (in eigene Räume, hinter Wände oder auf Emporen) in den muslimischen Gemeinden überhaupt einmal zu diskutieren.

Religiöse Grundlagen

Das Gebet stellt – wie die anderen 4 Säulen islamischer Glaubenspraxis ((Bekenntnis, Fasten im Monat Ramadan, Pflichtabgabe vom Vermögen und die Pilgerfahrt)) – eine individuelle Pflicht für alle Muslime ungeachtet ihres Geschlechts dar. Das fünfmalige Gebet findet innerhalb verschieden langer Zeiträume über den Tag verteilt statt.
Die Moschee gab es schon zu Zeiten des Propheten (s) und wurde zu allen Zeiten von Männnern als auch von Frauen zum Gebet genutzt. Männer beteten vorne hinter dem Propheten (s) und Frauen dahinter mit einem Zwischenraum für die Kinder. Männer sind verpflichtet – soweit dies machbar ist – die Gebete in der Gemeinschaft in einer Moschee zu verrichten, für Frauen gilt diese Verpflichtung nicht, ihnen ist es “nur” anempfohlen. ((Das Gemeinschaftsgebet stellt für Frauen eine so genannte Sunnahandlung dar. Vgl. Ahmad ibn Naqib al-Misri, Umdat as-Salik – Reliance of the Traveller, S. 170.))

Kulturhistorische Entwicklung der Geschlechtertrennung

Im Laufe der Zeit und der Ausbreitung des Islams in unterschiedliche Kulturen haben sich verschiedene Praktiken hinsichtlich der Geschlechtertrennung beim Gebet ausgebildet. So beten in manchen Regionen Frauen überhaupt nicht in der Moschee; auf einer Empore; durch einen Schleier oder eine Wand getrennt neben oder hinter den Männern; in einem separaten Raum im selben Gebäude oder ganz ohne räumliche Trennung neben oder hinter den Männern. ((All dies ist aus religiöser Sicht legitim. Entgegen anderslautender Behauptungen, die ich hier und da mal in Internetforen gelesen habe, ist das Gemeinschaftsgebet auch dann gültig wenn sich die Betenden in unterschiedlichen Räumen eines zusammenhängenden Gebäudekomplexes befinden. Vergl. Ahmad ibn Naqib al-Misri, Umdat as-Salik – Reliance of the Traveller, S.185-186.))
All diese Formen mögen in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext ihre Berechtigung haben. Ich selbst bin dankbar für die Räume für Frauen in vielen Moscheen, da sie mir einen geschützten Raum für Ruhe und spirituelle Entfaltung geben. Womit ich allerdings ein Problem habe, sind die Auswirkungen die die Geschlechtertrennung und die dahinter stehenden Vorstellungen über den Wert und die Stellung der Frau als spirituelles Wesen und Mitglied ihrer Gemeinschaft hier in Deutschland teils entwickelt haben.

Die Moschee als sozialer Raum

Die Moschee stellt in Deutschland weit mehr dar als einen bloßen Ort für das rituelle Gebet. Sie ist hier vielmehr ein Ort gelebter Gemeinschaft. Hier finden Predigten, Feste, Ankündigungen, soziale Beratung, Vorträge und religiöser Unterricht statt. Je nach Platzangebot in der Moschee finden diese Aktivitäten im Männerraum statt. Meist ist dieser Männerraum auch ästhetisch aufwendiger gestaltet. Hier wird das Geld für schöne Verzierungen investiert, hier werden ganze Teppiche verlegt, wofür es im Frauenbereich meist nicht mehr “reicht”. Im Frauenbereich werden Restteppiche verlegt, hier werden die Kalligrafien spärlicher, es gibt keine Kuppel mehr und hier wird auch seltener renoviert. Es sieht ja keiner bzw. nur die Frauen, die diesen Zustand oft selber nicht einmal mehr wahrnehmen. Oft ist diese offensichtliche Bevorzugung gar nicht bewusst, der Männerraum ist ganz selbstverständlich der Hauptraum, das Herzstück der Moschee, so dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass finanzielle Mittel vielleicht auch gleich verteilt werden könnten. Auch von Frauen selbst kann man oft entschuldigend hören: “Es war eben nicht genug Geld da.” Aber rechtfertigt dies wirklich die ungleiche Verteilung des vorhandenen Geldes für den Ausbau eines Moscheeraumes? Natürlich nicht.
Frauen bleiben auf diese Art ein unsichtbarer und unhörbarer Teil der Gemeinschaft:

  • Der Zugang zum Imam ist für Männer immer direkt und unmittelbar gegeben. Er erfüllt ja in Deutschland weit mehr als die Funktion eines Vorbeters – er ist Ratgeber in religiösen Angelegenheiten und auch oft bei familiären Problemen. Frauen müssen sich oft erst einen Termin bei ihm holen, womöglich den eigenen Mann vorschicken – um dann das Problem zu haben, als völlig Unbekannte mit einem privaten Anliegen vor ihm zu stehen, selbst wenn sie schon jahrelang regelmäßig hinter ihm beten.
  • Oft finden nach größeren Vorträgen in Moscheen Frage- und Diskussionsrunden statt, an denen Frauen sich – im Gegensatz zu den anwesenden Männern – nur beschränkt beteiligen können. Fragen, die durch handgeschriebene Zettel gestellt werden, sind oft missverständlich und machen eine Rückfrage unmöglich.
  • Vorstände von Moscheegemeinden sind meist durchgehend männlich besetzt und stark nach Bedürfnissen und Möglichkeiten berufstätiger Männer mit “Frau im Haus” orientiert. Vorstandswahlen und Sitzungen finden oft in den Abendstunden statt, ohne Kinderbetreuung und Zeitlimit.
  • Natürlich ist die Moschee auch für Frauen ein sozialer Raum und Ort des Lernens. In vielen Moscheen gibt es Unterricht für Frauen, Frauenfrühstücke, Koranunterricht und Vorträge in Eigenorganisation. Die Gemeindearbeit als ganzes findet aber durch die Geschlechtertrennung teils in Parallelwelten statt – “Die linke Hand weiß nicht was die Rechte tut” – mit dem “Männervorstand” als übergeordneter Instanz.
  • Wobei wir beim nächsten Problemfeld sind: Frauen in muslimischen Vereinsvorständen. Mittlerweile ist es durchaus nicht unüblich, wenigstens eine Frau in einem Vorstand zu haben – die Frauenbeauftragte. Bei ihr handelt es sich oft um eine gestandene Frau, die nun sämtliche Angelegenheiten aus dem Frauenbereich in den Vorstand kommuniziert – vom abgewetzten Teppich, Unterrichtskoordination bis zu sozialen Problemen leitet sie die Anfragen an den Vorstand weiter und harrt einer Lösung. Weiterhin ist sie – wenn es sie gibt – das Medium für “Aufträge” die aus dem “Frauenbereich” für die Gemeinde erbracht werden: Essen kochen für den Jahrmarkt, das Eidfest und so weiter.
  • In diesem Zusammenhang lässt sich auch ein weiteres Phänomen beobachten: Die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Hier wird durch eine Person nach außen kommuniziert, dass im Islam Frauen eine wichtige Stellung haben. Die nach außen demonstrierte Stellung entspricht aber nicht unbedingt der Position innerhalb der Gemeinde.

Aus genannten Gründen findet eine echte Teilhabe von Frauen in Moscheen im Sinne positiver Aktivitäten häufig nur – auf den Frauenbereich – begrenzt statt, einfach aus dem Grund, weil sich keine anderen Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Die trennende Wand beim Gebet ist also nur der architektonische Ausdruck dieser Grundhaltung.
Frauen suchen sich jedoch durchaus den Raum, in dem sie Gemeindeleben auch sichtbar mitgestalten können und als aktiver Teil der Gemeinde erwünscht sind. Nur geschieht dies bislang außerhalb von Moscheen, dafür allerdings erfolgreich – in Fraueninitiativen oder in muslimischen Jugendorganisation beispielsweise.

Was tun?

In diesem Zusammenhang möchte ich LeserInnen den Dokumentarfilm einer kanadischen Muslimin empfehlen, der sich mit genau dieser Thematik auseinandersetzt. Der Film heißt “Me and the Mosque: Women in Islam” und beleuchtet den Ausschluss von Frauen aus/in Moscheen aus verschiedenen Blickwinkeln. Es gibt Interviews mit betroffenen Frauen, Moscheevorständen, Gelehrten und Frauenrechtlerinnen. Besonders interessant fand ich die Beiträge eines Hadithgelehrten namens Shaykh Abdullah Adham und die von Tariq Swaidan. Die einzelnen Argumentationen für und gegen eine Wand werden im Film nachvollzogen – und widerlegt.
Ich finde es zunächst einfach nur wichtig, über dieses Thema überhaupt sprechen zu können, mit all den Problemen die es mit sich bringt, ohne sich gleich dem Totschlagargument aussetzen zu müssen, man würde unterschwellig eine westliche Agenda in die Gemeinden tragen. Allerdings halte ich auch nichts von “aggressiven” Aktionen, wie diese teilweise auch im Film angesprochen werden. Dort wird eine Gruppe von Frauen porträtiert, die in einer Reise durch die USA ihren Protest kundtun, in dem sie demonstrativ das Gebet im Männerbereich verrichten bzw. den Zutritt dazu verlangen. Ich halte davon deshalb nichts, weil ich denke, dass Kritik immer aus den Gemeinden selbst, von dort ansässigen und bekannten Mitgliedern geäußert und diskutiert werden sollte. Dies kann eher ernst genommen werden, als aggressive Kritik von gemeindefremden Mitgliedern, die eher einen Rückschlag bewirken kann.

Vielleicht noch eine persönliche Notiz zum Schluss: Mich haben folgende Ereignisse überhaupt erst zum Nachdenken gebracht. Das war das Gebet in Mekka zur Hajj-Zeit und die Freitagsgebete in der Sultan-Hassan Moschee in Kairo. In beiden Moscheen beten Frauen und Männer ohne räumliche Trennung zusammen. Ich konnte mich voll auf das Gebet konzentrieren, musste nicht mitzählen, ob sich der Imam nun schon im Sujud (also der Niederwerfung) oder erst im Ruku’ (der Verbeugung) befindet, weil ich es sehen konnte; außerdem gibt es nichts, was das Gemeinschaftsgefühl im Gebet noch erheben könnte, außer auch das “Amin” der Männer direkt zu hören.

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