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Kommentierte Linksammlung 01/10

Burka, Burka und kein Ende

Nachdem in Frankreich vorerst kein Burkaverbot zustande kommt, in Italien über Burkaverbote nachdenkt, lassen auch deutsche Politiker sich nicht lumpen und fordern nun ein eben solches – im öffentlichen Dienst z.B., wo sich ja bekanntermaßen die Burkaträgerinnen nur so tummeln. Dass die Rufe nach einem Verbot von Burkaträgerinnen in Bussen, der Aufruf sie nicht mehr in Cafes zu bedienen, oder der Ausschluss dieser Frauen von Visa nicht grade angetan sind, Frauen zu befreien oder sie gar willkommen zu heißen erübrigt sich wohl von selbst – es scheint so manchen selbsterklärten Feministen nur zu entgehen. Interessant wäre auch zu erfahren, ob man auch weiterhin die gut zahlenden Patienten und Touristen aus den Golfstaaten dieser Behandlung zu unterziehen gedenkt…

Mit einer Engelsgeduld und einer bewundernswerten Ernsthaftigkeit erklärt Hilal Sezgin in einem Interview und einem Artikel warum solche Forderungen völliger Schwachsinn sind.

Die Burka ist übrigens gar keine Burka, sondern ein Chadri. So zumindest heißen die meist blauen Gewänder, die man von Bildern afghanischer Frauen kennt. Eine Burqa ist eine Art goldfarbene Gesichtsmaske, die traditionell von Frauen in den arabischen Emiraten getragen wird. Eine moderne Adaption der Burqa als Sonnenbrille haben zur Erhaltung dieser Tradition sich Designer aus den Emiraten überlegt.

Die Gesichtsverschleierung hat eine lange Geschichte im nahen und mittleren Osten, die sich hauptsächlich mit dem Islam in Verbindung bringen lässt. Schon Jahrhunderte vor unsere Zeitrechnung lassen sich griechische Gesichtsschleier belegen. Im nahen und mittleren Osten wurden oder werden Gesichtsschleier teils auch von Männern, armenischen Nonnen oder Jüdinnen getragen. Es gibt tatsächlich so etwas wie Textilhistoriker, die sich die Mühe machen, die Geschichte und Bedeutung eines solchen Bekleidungsstückes zu erforschen: “Covering the Moon” von Gillian Vogelsang-Eastwood und Willem Vogelsang ist eine reich bebilderte, ausführliche Arbeit zu diesem Thema.

Wie es sich mit einer Burka bekleidet lebt, wollte die französische Künstlerin Bérengère Lefranc wissen. Mit einem – bezeichnenderweise lilafarbenen – Ganzkörperkleid zog sie durch die Straßen von Paris. “Sie bezeichnet ihre Erfahrungen damit als “die Hölle”. Das lag neben den hohen Temperaturen vor allem an dem offenen Hass der ihr von Passanten begegnete – vor ihr wurde ausgespuckt, ihr wurde der eintritt in den Supermarkt verwehrt und es gab sogar Situationen in denen sie Todesangst hatte. Schönen dank auch an die selbst ernannten Frauenbefreier, das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.

Feminismus und muslimische Frauen

Birgit Rommelspacher hat mit ihrem Artikel über thematische Überschneidungen mancher Feministinnen mit dem Rassismus rechter Parteien eine hitzige Debatte ausgelöst.

Auch die österreichische Journalistin Ingrid Thurner kritisiert in ihrem Artikel “Das Kopftuch: der Stoff, aus dem Vorurteile sind” einen Feminismus, der die Muslimin als Opfer – und nur als das – braucht.

Gründungen

Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen hat seit ein paar Tagen eine eigene Website, auf der Satzung, Ziele und Aufnahmeanträge eingesehen werden können. Eine weitere Gründung kommt aus Frankfurt daher: die Frankfurter Initiative progressiver Frauen, deren Mitglieder Vorbilder für Migrantinnen sein wollen. Mitglieder mit Kopftuch will man explizit nicht aufnehmen, da man “ausdrücklich dem in Deutschland vorherrschenden Klischee der Kopftuch tragenden, unterdrückten, ungebildeten und tief im Islam verwurzelten Migrantin entgegentreten” will, so Ezhar Cezairli. Nun, dieses Klischees ließen sich doch durch Frauen wie die Herzchriurgin Feyzan, die Rechtsanwältinnen Kadriye Aydin
und Marziya Özisli hervorragend widerlegen. Aber darum geht es der Initiative ganz offensichtlich nicht, denn mit einem solchen Ausschluss bestätigt man dieses Vorurteil ja nur.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen

Hier ein sehr schönes Angebot des Antidiskriminierungsnetzwerks Berlin für muslimische Frauen in Berlin. Der Anmeldeschluss ist schon am 09.10.2009.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color: Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung Rassismus und Islamophobie

Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color und Musliminnen mit Migrationshintergrund

Rassismus und Diskriminierung sind alltägliche Bestandteile und „Normalität“ im Leben von Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen of Color in Deutschland. Unter dem Aspekt der Mehrfachdiskriminierung ergeben sich nicht selten verstärkende Ohnmachtserfahrungen, wenn z.B. Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht und Religion zusammenwirken.

Den unfassbaren Mord an Marwa El Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal hat das ADNB des TBB zum Anlass genommen, ein spezielles Empowerment-Seminar gegen Rassismus für muslimische Frauen of Color anzubieten. Der Mord hat vor allem Musliminnen in ihrem Selbstverständnis, ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu sein, tief getroffen und verunsichert. Mit diesem Training möchten wir den betroffenen bzw. potentiell betroffenen Frauen einen geschützten Raum anbieten, in dem es möglich ist, ohne Angst und Scham über eigene rassistische und diskriminierende Alltagserfahrungen als Musliminnen of Color zu sprechen und auszutauschen. In einem weiteren Schritt sollen gemeinsam Handlungsstrategien entwickelt werden.

Dieses Empowerment-Training richtet sich ausschließlich an Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen of Color mit einer familienbiographischen muslimischen Identität, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache und/oder ihres Kopftuches mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert werden.

Empowerment bedeutet die Stärkung der eigenen Person. Ziel dieser Fortbildung ist es daher, in einem „geschützten“ Raum den erlebten und erfahrenen Rassismus, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und den „verinnerlichten“ Rassismus zur Sprache zu bringen. Aber auch bereits vorhandene individuelle Strategien und Wissen gegen Rassismus und Diskriminierung werden im Gruppenprozess ausgetauscht, sich bewusst gemacht, reflektiert und erweitert.

Empowerment wird somit im Sinne von Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung erfahrbar.

Die Fortbildung besteht aus 2 Modulen, die aufeinander aufbauen. Daher ist die Teilnahme an beiden Modulen verbindlich.

Das Seminar findet am 14. – 16.10.2009 (Modul 1) und 04. – 06.11.2009 (Modul 2) täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr statt.

Schriftliche Anmeldung bis zum 09.10.2009 erforderlich (siehe Anmeldebogen unten).

Das Seminar selbst ist kostenfrei, allerdings erheben wir für Snacks, Getränke und Kopien einen Selbstkostenbeitrag von 5 Euro pro Modul.

Trainerinnen:

  • Nuran Yiğit (Diplom-Pädagogin; Projektleiterin ADNB des TBB; HAKRA-Empowerment-Trainerin)
  • Yasmina Gandouz (angehende Diplom-Sozialarbeiterin, Mitarbeiterin im Mädchentreff Bielefeld e.V., Empowerment-Trainerin)

Veranstalter:

  • Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des TBB,
  • Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
  • HAKRA – Projektinitiative gegen Rassismus und Diskriminierung aus der People of Color Perspektive

Veranstaltungsort:
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
An der Urania 4-10
1. Etage/ Seminarraum R120
10787 Berlin (Schöneberg)

Anmeldung:
Schriftlich per Post, Fax oder E-Mail:
Anmeldeschluss: 09.10.2009

Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin –ADNB des TBB
c/o Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg
Tempelhofer Ufer 21, 10963 Berlin

Tel.: 030/ 61 30 53 28
Fax: 030/ 61 30 43 10

E-Mail: adnb@tbb-berlin.de
Ansprechpartnerin: Nuran Yiğit

Schriftliche verbindliche Anmeldung für beide Module „Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie“ unter Angabe von:

Name:
Vorname:
Anschrift, Ort:
Telefon:
E-Mail:
Herkunft/ Migrationshintergrund:
Alter:
Beruf/Tätigkeit/Organisation:

Kommentierte Linksammlung 06/09

  • Aufgrund ihres Seltenheitswertes, eine Nachricht aus Kanada: Dort ist eine Frau zum Vorstand einer Moschee gewählt worden. Via MuslimahMediaWatch.
  • Eine Berliner Frauenärztin spricht selbstkritisch über Ihre Arbeit mit Frauen, die sich das Jungfernhäutchen operativ rekonstruieren lassen.
  • Die Schweizerin Sura Al-Shawks ist Kapitänin ihres Basektballteams. Nach ihrem Aufstieg in eine höhere Liga, darf sie nun auf Geheiß des zuständigen Verbandes kein Kopftuch mehr tragen.
  • Die Zeit porträtiert Nilüfer Göle – eine türkischstämmige Soziologin an der Sorbonne – und beschreibt ihre Ansichten zum Phänomen “Schleier in der Moderne” und wie sie damit besonders bei Säkularisten im eigenen Land aneckt.
  • Die ehemalige MTV-Moderatorin Kristiane Backer hat eine Biographie über ihren Weg im Islam geschrieben. Einfühlsam, authentisch und lesenswert.
  • Nach einem langen Verfahren darf eine Familie nun endlich ihre Tochter zum Familienurlaub nach Äthiopien schicken. Durch Gerüchte am Arbeitsplatz, den Einsatz einer Anti-Verstümmelungsinitiative und das Jugendamt vor Ort stand die Familie unter dem Verdacht, ihre Tochter im Genitalbereich verstümmeln lassen zu wollen. Zur Teils absurden Argumentation vor Gericht schreibt dieser Artikel bei Politblogger: Schuldig bei Verdacht.
  • Ein Vater ersticht seine Tochter im Schlaf. Möge Allah Büsras Seele gnädig sein, Amin.
  • Endlich politische Lösung für Opfer von Zwangsheirat in Sicht? NRW fordert von der Bundesregierung eine Erleichterung auch für solche Opfer, die sich nicht mehr in Deutschland aufhalten, indem sie leichter an einen Aufenthaltstitel in Deutschland kommen sollen. Leider ist in dem Artikel nur von weiblichen Opfern die Rede. In welchem Maße auch Männer von Zwangsehen bedroht und belastet sind, verdeutlicht ein TAZ-Artikel: Der Mann an ihrer Seite.
  • Rudolph Chimelle kommentiert auf Deutschlandradio die von Sarkozy in Frankreich angeregte Burka-Verbot-Debatte. Sehr gute Analyse!
  • Die Islamkonferenz beendet ihre erste Phase mit Handlungsempfehlungen für den Umgang von Lehrern mit Schwimmunterricht verweigernden muslimischen Eltern. Damit problematisiert die Islamkonferenz ein Thema, dass, laut eigener Studie, eher ein Randproblem ist. Die Tagesschau beleuchtet die (nicht vorhandene) Datenlage und verdrehte Argumentation der Islamkonferenz: Scheindebatte am Beckenrand.
  • Amira El Ahl porträtiert auf Qantara.de Dalia Mogahed, Mitglied des Beraterstabs von US-Präsident Obama für interreligiöse Angelegenheiten: Jede Tat beginnt mit einem Wort.

geht’s noch?

ein tolles Kabarett-Stück von Hagen Rether, der das “Kopftuch-Feindbild” auf die Schippe nimmt.

Neuerscheinung: “Der Stoff, aus dem Konflikte sind”

Im Mai 2009 soll im Transcript-Verlag ein neues Buch zum Thema Kopftuchstreit in Deutschland erscheinen. Es wäre nicht das erste Buch.
Die beiden Herausgeberinnen – Sabine Berghahn und Petra Rostock von der FU-Berlin – sind Mitglieder im Forschungteam des VEIL-Projektes in Österreich, welches die Kopftuch-Debatten, ihre ProtagonistInnen und nationale Unterschiede in den Handhabungen mit dem Kopftuch in acht europäischen Ländern untersucht.

In der Vorankündigung des Verlages heißt es:

Die Kontroversen um das Kopftuchverbot haben gezeigt, dass dabei um mehr als nur ein Stück Stoff gestritten wird. Vielmehr dient der Kopftuchstreit als Projektionsfläche, auf der die verschiedenen Konfliktlinien der Einwanderungsdebatten in Europa sichtbar werden. Dieses Standardwerk lässt namhafte Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die aus rechts-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive erklären, welche Werte und Prinzipien in der Auseinandersetzung um das Kopftuch zur Verhandlung stehen.
Über die deutsche Debatte hinaus gibt der Band Auskunft über den Umgang mit der umstrittenen Kopfbedeckung in Österreich und der Schweiz und gewährt Einblicke in die britischen und französischen Diskussionen.

Richtig gespannt auf das Buch hat mich aber erst die angebotene Leseprobe gemacht. In dem Artikel “Das Kopftuch als das Andere. Eine notwendige postkoloniale Kritik des deutschen Rechtsdiskurses” untersucht Cengiz Barskanmaz die Kopftuch-Urteil deutscher Gerichte dahingehend, welches Bild vom Kopftuch diese Urteile eigentlich festlegen. Ein Zitat aus dem Artikel:

Der Beitrag argumentiert, dass das Kopftuch einem westlichen kulturhegemonialen Vorverständnis unterliegt, dessen Konstruktionen von Islam und Kopftuch auf einer orientalistischen Kolonialtradition aufbauen: Mit dem ›Kopftuchurteil‹ des BVerfG fanden kolonialistisch geprägte Bilder endgültig Eingang in den juristischen Diskurs und wurden mit den nachfolgenden Landesgesetzen auch positivrechtlich verankert. Damit führt der Rechtsdiskurs zu einer Hierarchisierung der Diskursteilnehmer/innen, bei der sich die Kopftuch tragende Muslimin zwar artikuliert, aber nicht gehört und so marginalisiert wird. Daher kann der deutsche Kopftuchdiskurs ohne den historisch-analytischen Bezug auf koloniale Herrschaftsverhältnisse, orientalistische Denkmuster und den hiesigen neorassistischen Antiislamdiskurs nicht angemessen analysiert werden.

Der Artikel ist wirklich lesenswert und lässt auf mehr kritische Auseinandersetzung mit der Debatte auf wissenschaftlicher Ebene hoffen.

„Haben wir noch alle Tassen im Schrank??“

Von Nina Mühe

Das fragt sich Rita Breuer, Buchautorin, Islamwissenschaftlerin und Autorin für Broschüren des Bundesministeriums des Inneren, in einem Artikel der aktuellen EMMA ((EMMA Nr. 6 (287) Nov/Dez 2008 S. 52ff; Alle nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Artikel.)) und meint dabei deutsche Frauen, die den Islam angenommen haben.
Es geht der Autorin aber keineswegs allein um Konvertitinnen-Schelte, vielmehr redet sie in ihrem Artikel einer längst überfälligen Klarheit in der Kritik von Muslimen und dem Islam im allgemeinen das Wort, welche ihre Kollegen in der Wissenschaft vermissen ließen, welche statt dessen ihre Augen vor der Realität verschließen würden. Mittels einer doch für eine Wissenschaftlerin und Referatsleiterin des Bundesverfassungsschutzes eher unwissenschaftlichen Polemik, vermengt die Autorin alle schlagzeilenträchtigen Themen vom Kopftuchzwang für Jugendliche durch islamistische Organisationen bis zur prekäre(n) Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt ungeachtet einer näheren Erläuterung konkreter Zusammenhänge und ohne jegliche Quellenverweise, die ihre Aussagen belegen könnten.
Der Aufhänger ihres Artikels ist das Wort „Islamophobie“, welches sie zum Unwort des Jahres 2008 gekürt sehen möchte, weil sie darin lediglich den Versuch sieht, kritische Stimmen zum Islam zum Schweigen zu bringen. Jene Islam-Kritik, möchte sie jedoch klar von tumber Islam-Feindlichkeit unterschieden wissen, mit der wir wohl alle nichts zu tun haben wollen und schließt an diese Einleitung und die Betonung ihrer Honorität durch den Verweis auf ein Vierteljahrhundert der Arbeit als Islamwissenschaftlerin, eine bloße Aneinanderreihung islamfeindlicher und zutiefst unwissenschaftlicher Argumentationen.
So postuliert Frau Breuer beispielsweise,

dass Kinder und Jugendliche im konservativ-islamischen Milieu systematisch zur Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft erzogen werden und von Wahlfreiheit für oder gegen das Kopftuch keine Rede sein kann.

Einen Beleg oder Verweis auf irgendwelche wissenschaftlich relevanten Quellen ((Für eine – unvollständige – Sammlung von wissenschaftlichen Studien zum Kopftuch muslimischer Frauen siehe den Blogeintrag Kopftuchstudien vom 23. Nov. sowie den Artikel Mit Kopftuch – zu Recht? – außen vor? im Bereich “Medienanalyse” auf nafisa.de)) bleibt sie schuldig, und der Leser muss sich mit dem Hinweis auf ihre langjährige Arbeit als Islamwissenschaftlerin begnügen.
Die postulierte Tatsache, dass man (islamische Verbände? Die Muslime?)

der deutschen Gesellschaft mit massiven Forderungen und hohem missionarischen Anspruch gegenübertritt

wird ohne weitere Erläuterung in direkten Zusammenhang mit der prekären Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt gestellt. Nicht nur spricht die Autorin von der deutschen Gesellschaft, der die fordernden Subjekte gegenüber stehen, nicht etwa Teil derselben wären, sondern implizit lehnt sie die massiven Forderungen (Ob es sich hier um repräsentative Moscheen, Lehrerinnen mit Kopftuch oder etwas anderes handelt kann man nur mutmaßen) ab, solange es eine ungerechte Behandlung von religiösen Minderheiten in der islamischen Welt gibt. Das Einfordern von Grundrechten in diesem Staat wird also nicht nur von der eigenen (wie auch immer definierten) Integration der Muslime in diesem Land abhängig gemacht – was an sich schon eine Ungleichbehandlung verschiedener Individuen vor dem Recht bedeuten würde – sondern von den Minderheitenrechten in der, ebenfalls nicht definierten islamischen Welt, also in Ländern, von denen einige wohl eher mit diktatorischen denn demokratischen Mitteln regiert werden.

Die Autorin bedient sich gerne der verschiedensten Stereotype, um ihre Argumente zu verbildlichen. So erzählt sie von einer Konferenzteilnehmerin als einer äußerst westlich auftretender Juristin mit afghanischen Wurzeln, was schon den Widerspruch zu reflektieren scheint, dass diese Juristin von demokratischen Grundsätzen in der afghanischen Verfassung spricht und gleichzeitig sagt, dass diese unter dem Vorbehalt des islamischen Rechts, der Scharia stehen würden. Frau Breuer bescheinigt der Referentin daraufhin eine gänzliche Unkenntnis der Scharia, sowie auch die Zuhörerinnen und einige andere Podiumsteilnehmer vom Thema „Islam in Deutschland“ keinerlei Ahnung zu haben scheinen.
Die eigene Essentialisierung jedoch scheint ihr nicht aufzufallen, und so hält sie ein flammendes Plädoyer für die Ablehnung des Begriffs „Islamophobie“, den sie als Taktik einer undifferenzierten pro-islamischen Lobby begreift, und der den – ohnehin nur zum schachmatt Setzen verwendeten – Begriff des Rassismus abgelöst habe.

Und so fährt sie mit den Festschreibungen fort, denen das Gegenüber auf keinem Weg entrinnen kann, indem sie bildreich eine neue Generation deutscher Konvertitinnen beschreibt, die es vorziehe, in der Öffentlichkeit keinen islamischen Namen zu tragen. Dass diese Frauen ihn im Privaten, also heimlich, tragen wird hier indirekt unterstellt, und folgerichtig wird der Verzicht auf die Namensänderung auch nicht als ein integratives Bemühen oder schlichte Normalität gewertet, sondern die völlige Normalität von Islam-Zugehörigkeit Deutscher solle hier lediglich suggeriert werden, oder es handele sich um ein Mittel zum Zweck, um die strategische Position im Islam-Diskurs zu verbessern. So oder so hat das Gegenüber keine Chance sich außerhalb des Misstrauensdiskurses und der unterstellten Täuschung zu positionieren.

Die Essentialisierung der hier lebenden Menschen mit muslimischem Glauben oder muslimischem kulturellem Hintergrund als „die Muslime“, die in ihrer undifferenzierten Masse nicht nur für alle Probleme „der Muslime“ in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt zur Verantwortung gezogen werden sollen, bevor man in Deutschland ernsthaft über gleichberechtigte Integration sprechen kann, ist von einigen polemischen Medien- wie Politikvertretern weithin bekannt. Ebenso der Täuschungsvorwurf, der jegliches positive Bemühen, sich in die Gesellschaft einzubringen, für nichtig erklärt, weil man ja nie wisse, was sich wirklich dahinter verberge. Dass aber eine erklärte Wissenschaftlerin, die gleichzeitig als Beraterin für das Bundesministerium des Inneren sowie den Bundesverfassungsschutz fungiert, dieser Polemik in derartig offener und unverhohlener Weise verfällt, stimmt doch sehr nachdenklich.

Kopftuchstudien

An dieser Stelle sammeln wir Links und Hinweise auf Studien (auch Teilbereiche) zum Thema Kopftuch, Motivationen und Weltanschauungen der Trägerin, Lebenswelten und Diskrimierungserfahrungen Muslimischer Frauen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird ständig erneuert:

  1. Das Kopftuch – die Entschleierung eines Symbols
    von Frank Jessen und Dr. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (2006) für die Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführt, Befragung von 315 muslimische Frauen mit Kopftuch.
  2. Harald Klier, Antidiskriminierungsstelle im Büro des Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg (2002): Diskriminierung von muslimischen Frauen, Ergebnisse einer Befragung in Brandenburg, Potsdam.
  3. Canan Korucu (2004): Selbst- und Leibilder junger Kopftuch tragender Musliminnen türkischer Herkunft in Berlin – Eine qualitative Studie anhand von Leitfadeninterviews, Magisterarbeit Berlin.
  4. Dr. Schirin Amir-Moazami (2004): Politisierte Religion – Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich, Bielefeld transcript.
  5. Yasemin Karakasoglu-Aydin (2000): Muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen, Iko-Verlag für Interkulturelle Kommunikation.
  6. Muslime in Deutschland“, Bundesinnenministerium (Dezember 2007).
  7. Katherine Bullock (2002): Rethinking Muslim Women and the Veil: Challenging Historical and Modern Stereotypes, International Institute of Islamic Thought.

Amtlich: auch Baskenmütze fällt unter Kopftuchverbot

Welch absurde Blüten das Kopftuchverbot für Lehrerinnen treiben kann, zeigt das nun bekanntgewordene Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts zu einer Lehrerin, die im Unterricht eine Baskenmütze trug:

Die deutsche Staatsangehörige muslimischen Glaubens hatte sich juristisch gegen die Bezirksregierung Köln als Schulbehörde zur Wehr setzen wollen, die ihr das Tragen einer Kopfbedeckung im Klassenraum untersagt hatte.

In dem vorliegenden Fall sei die Mütze aber als “Surrogat” für ein Kopftuch ebenfalls als religiöses Symbol zu werten, entschied das Gericht.

Man fragt sich was passiert, wenn muslimische Lehrerinnen nun anfangen, Perücke zu tragen… und wann der ganze Spuk einmal ein Ende haben wird. Denn mit der Argumentation kann ja praktisch alles als ein “Surrogat” für das Kopftuch gelten, egal ob Hut, Haarband, Glatze oder eben Perücke. Ausschlaggebend ist hier nur noch die Identität der Trägerin als muslimische Frau.