20. November 2009 um 2:11 pm · Abgelegt unter Medienspiegel, Stellungnahme
Alle haben alles richtig gemacht – und doch ist zuletzt ein Mensch tot.
So endete ein Artikel bei Zeit online über den Prozess und die Urteilsverkündung im Mordfall von Marwa El-Sherbini am 11. November. Die deutsche, wie auch die ägyptische Presse waren zurecht voll des Lobes für den gerechten Urteilsspruch der deutschen Justiz, der – wenn er auch das Leid nicht mildern konnte – zumindest die Schwere der Tat herausstellte und entsprechend ahndete. Und tatsächlich hatten sich sehr viele Menschen in dem ganzen Verlauf des Falles offensichtlich sehr gut und gerecht verhalten, angefangen von den Umstehenden auf dem Spielplatz, auf dem Marwa und ihr kleiner Sohn von dem späteren Mörder beleidigt worden waren – sie redeten auf den Beleidiger ein und unterstützten die Beleidigte in dem Bestreben, sich zu wehren, indem sie ihr Handy zur Verfügung stellten um die Polizei zu rufen – über die Polizisten, die den Fall nicht verharmlosten – wie es Opfer in anderen Fällen immer wieder beklagen – sondern ihn aufnahmen und verfolgten, bis zum Gericht, das angesichts der fehlenden Einsicht des Beklagten, immer höhere Geldstrafen verhängte, und ebenfalls die Schwere seiner Beleidigungen und deren gefährlich-hasserfüllten Hintergrund herausstellte.
Aber dennoch bleibt ein eigenartiger Geschmack, angesichts einer scheinbar völligen Abwesenheit von Selbstkritik eines Gerichts, in dem es einem auffälligen jungen Mann, der schon schriftliche Drohgebärden an eben dieses Gericht gesandt hatte und, der schon in der ersten Verhandlung seine potentielle Gewaltbereitschaft zur Schau gestellt hatte, möglich gewesen war, ein langes Küchenmesser im Rucksack in den Gerichtssaal zu bringen und – unbehelligt durch jegliche Wachleute – 16 mal damit vor aller Augen auf sein wehrloses Opfer einzustechen. Gegen den Richter sowie gegen den Polizisten, der irrtümlich den Mann des Opfers anschoss und nicht den Täter, laufen längst Verfahren, in denen sie sich für ihre Entscheidungen verantworten müssen, aber das Gericht lässt auch hier keinerlei Selbstkritik aufkommen, wie eine Prozessbeobachterin in Dresden berichtet. ((Eine befreundete Anti-Diskriminierungs-Aktivistin war für die Urteilsverkündung nach Dresden gefahren, hatte von der zweistündigen Urteilsbegründung detailliert berichtet und damit Anlass für diesen Kommentar gegeben.))
Schon vor dem Verfahren in der ersten Instanz hatte dem Gericht ein Schreiben des späteren Mörders vorgelegen, in dem er seinen Hass nochmals schriftlich zum Ausdruck brachte und u.a. äußerte, niemand könne von ihm erwarten, ’seine Feinde in seiner Nähe zu dulden’ und das Kopftuch hätte ihn und Deutschland als ‘Zeichen der Unterwerfung unter den Satangott’ beleidigt. Auch schon ganz zu Beginn der Begegnung mit Marwa und ihrem Sohn auf dem Spielplatz hatte er beide wohl schon indirekt bedroht, indem er Marwa und ihr Kind als potentielle Terroristen bezeichnete und drohte, wenn ihr Kind schaukele, schaukele es bis zum Tod ((Auf der Internetseite des Zentralrats der Muslime wird das Zitat anders wiedergegeben: “Das Kind darf nicht mehr hier auf dem Spielplatz spielen – wenn es doch kommt, werde ich bis zu seinem Tode hier schaukeln.”, was aber ebenfalls als Drohung verstanden werde kann.)) . Und schließlich hatte er bei seiner ersten Vernehmung ausgesagt: “Wenn ich Waffen oder Sprengstoff gehabt hätte, hätte ich die mit hierher gebracht” ((http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/1068421/)). Die zuständige Amtsrichterin für das erste Verfahren hatte bereits erwogen Wachschutz einzubestellen, sich aber dagegen entschlossen, weil der Angeklagte nicht gefährlich gewirkt hätte. ((http://www.zeit.de/2009/47/Prozess-Dresden)) Man ließ sich also durch den völlig subjektiven persönlichen Eindruck, den der Angeklagte auf die Entscheidungsträger machte, von einer bereits vorhandenen Befürchtung für die Sicherheit der Zeugin abbringen. Ein menschliches Versagen, wie es vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, dessen Rechtfertigung durch das Gericht allerdings nicht zu der ansonsten doch gewissenhaften und gründlichen Aufklärungsarbeit der Richterin bei diesem Prozess passen mag.
Auch die Frage, die aufkommen könnte, warum man nicht einfach vorsichtshalber – trotz des angeblich harmlosen Äußeren des Beklagten – Wachschutz in den Saal bestellt hätte, wird – wie eine Prozessbeobachterin ebenfalls erzählt – vom Gericht schon vorsorglich damit beantwortet, dass dieses Gericht eben Volksnähe vermitteln wolle.
Auch hier wird ein vielleicht nachvollziehbarer menschlicher Fehler erst durch die Rechtfertigung des Gerichts zu einer unangemessenen und unentschuldbaren Verharmlosung des Beklagten und Gefährdung der Zeugin, verstärkt durch den gar nicht volksnahen Eindruck, den der immense Umbau des Gerichtsgebäudes sowie dessen 2,5-wöchige Abschottung und das kollossale Polizeiaufgebot zum Schutz des Täters beim Prozess hinterlassen.
Und schließlich ist da der Polizist, der das Opfer anschoss, nicht den Täter, und den sicherlich auch keine besondere individuelle rassistische Einstellung zu dieser fatalen Wahl führte. Aber auch sein Handeln wird von der Richterin gerechtfertigt mit der Aussage, er hätte nur auf das Bein geschossen, das ihm am nächsten gewesen sei, und das obwohl das diesbezügliche Verfahren noch nicht beendet ist.
Sicherlich musste der unerwartet zu einem solchen Horrorszenario herbeigerufene Polizist sich innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden, auf wen er schoss, aber die Tatsache, dass es eben der Ägypter, nicht der Russlanddeutsche war, für den er sich entschied, kann nicht einfach mit dem Argument beiseite gewischt werden, auch der Täter hätte kein typisch deutsches Aussehen gehabt – er sei ja Russlanddeutscher – und deshalb könne Rassismus hier nicht zu der Fehlentscheidung beigetragen haben und schon gar nicht ausschließlich mit dem Argument, das eine Bein sei eben näher gewesen als das andere.
Der Rassismus und die Islamfeindlichkeit sind hier sicherlich nicht den Individuen anzulasten, die tatsächlich wohl zum größten Teil sehr vorbildhaft gehandelt haben, aber er sollte sehr wohl als gesellschaftliche Kraft stärker unter die Lupe genommen werden, und zwar nicht nur in ihrer absoluten Extremform im Fall von Alex W., sondern gerade in den – manchmal kaum merklichen – Einflüssen, die unsere Verhaltensmuster durchziehen und mitbestimmen.
Dann würde einem vielleicht doch auffallen, dass der Polizist – zu dessen beruflichem Alltag es gehört, Menschen aufgrund einer spezifischen Gruppenzugehörigkeit stärker zu verdächtigen als Andere – sich in dem Moment, in dem er nicht mehr überlegen konnte, möglicherweise nicht zufällig für den Ägypter als vermeintlichen Täter entschied.
Und es würde einem vielleicht auch auffallen, dass alle Beteiligten des Berufungsverfahrens den Angeklagten, trotz dessen gegenteiliger mündlicher und schriftlicher Äußerungen für harmlos hielten – weil er so ein ‘weiches Kindergesicht’ hatte – während das gesamte Gerichtsgebäude für sicherheitstechnische Maßnahmen umgebaut wurde, weil ein ägyptischer Dorfimam, den niemand kennt und niemand außer einigen deutschen Medien beachtet, zur Ermordung des Angeklagten aufgerufen hatte.
Das gerechte Urteil, das alle mit Erleichterung aufnahmen, hätte durch ein wenig Selbstkritik noch sehr viel tiefgreifender bezüglich der Ursachen für dezidiert islamophobe Attacken wie diese wirken können, weil dann möglicherweise – zusätzlich zu der Beteuerung der Gerechtigkeit der deutschen Justiz – auch ein Fokus auf die leider in diesem Land schon sehr weit verbreiteten islamfeindlichen Einstellungen und deren mögliche Ursachen geworfen worden wäre.
01. October 2009 um 9:47 pm · Abgelegt unter Aktivitäten, In eigener Sache
Hier ein sehr schönes Angebot des Antidiskriminierungsnetzwerks Berlin für muslimische Frauen in Berlin. Der Anmeldeschluss ist schon am 09.10.2009.
Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color: Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung Rassismus und Islamophobie
Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie
Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color und Musliminnen mit Migrationshintergrund
Rassismus und Diskriminierung sind alltägliche Bestandteile und „Normalität“ im Leben von Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen of Color in Deutschland. Unter dem Aspekt der Mehrfachdiskriminierung ergeben sich nicht selten verstärkende Ohnmachtserfahrungen, wenn z.B. Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht und Religion zusammenwirken.
Den unfassbaren Mord an Marwa El Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal hat das ADNB des TBB zum Anlass genommen, ein spezielles Empowerment-Seminar gegen Rassismus für muslimische Frauen of Color anzubieten. Der Mord hat vor allem Musliminnen in ihrem Selbstverständnis, ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu sein, tief getroffen und verunsichert. Mit diesem Training möchten wir den betroffenen bzw. potentiell betroffenen Frauen einen geschützten Raum anbieten, in dem es möglich ist, ohne Angst und Scham über eigene rassistische und diskriminierende Alltagserfahrungen als Musliminnen of Color zu sprechen und auszutauschen. In einem weiteren Schritt sollen gemeinsam Handlungsstrategien entwickelt werden.
Dieses Empowerment-Training richtet sich ausschließlich an Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen of Color mit einer familienbiographischen muslimischen Identität, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache und/oder ihres Kopftuches mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert werden.
Empowerment bedeutet die Stärkung der eigenen Person. Ziel dieser Fortbildung ist es daher, in einem „geschützten“ Raum den erlebten und erfahrenen Rassismus, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und den „verinnerlichten“ Rassismus zur Sprache zu bringen. Aber auch bereits vorhandene individuelle Strategien und Wissen gegen Rassismus und Diskriminierung werden im Gruppenprozess ausgetauscht, sich bewusst gemacht, reflektiert und erweitert.
Empowerment wird somit im Sinne von Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung erfahrbar.
Die Fortbildung besteht aus 2 Modulen, die aufeinander aufbauen. Daher ist die Teilnahme an beiden Modulen verbindlich.
Das Seminar findet am 14. – 16.10.2009 (Modul 1) und 04. – 06.11.2009 (Modul 2) täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr statt.
Schriftliche Anmeldung bis zum 09.10.2009 erforderlich (siehe Anmeldebogen unten).
Das Seminar selbst ist kostenfrei, allerdings erheben wir für Snacks, Getränke und Kopien einen Selbstkostenbeitrag von 5 Euro pro Modul.
Trainerinnen:
- Nuran Yiğit (Diplom-Pädagogin; Projektleiterin ADNB des TBB; HAKRA-Empowerment-Trainerin)
- Yasmina Gandouz (angehende Diplom-Sozialarbeiterin, Mitarbeiterin im Mädchentreff Bielefeld e.V., Empowerment-Trainerin)
Veranstalter:
- Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des TBB,
- Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
- HAKRA – Projektinitiative gegen Rassismus und Diskriminierung aus der People of Color Perspektive
Veranstaltungsort:
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
An der Urania 4-10
1. Etage/ Seminarraum R120
10787 Berlin (Schöneberg)
Anmeldung:
Schriftlich per Post, Fax oder E-Mail:
Anmeldeschluss: 09.10.2009
Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin –ADNB des TBB
c/o Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg
Tempelhofer Ufer 21, 10963 Berlin
Tel.: 030/ 61 30 53 28
Fax: 030/ 61 30 43 10
E-Mail: adnb@tbb-berlin.de
Ansprechpartnerin: Nuran Yiğit
Schriftliche verbindliche Anmeldung für beide Module „Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie“ unter Angabe von:
Name:
Vorname:
Anschrift, Ort:
Telefon:
E-Mail:
Herkunft/ Migrationshintergrund:
Alter:
Beruf/Tätigkeit/Organisation:
25. September 2009 um 10:02 pm · Abgelegt unter Aktivitäten, In eigener Sache
Am Tag der Deutschen Einheit laden Muslime zum „Tag der offenen Moschee“. Anlass genug für die selbst ernannte „Bürgerbewegung Pax Europa“, zu einer Kundgebung gegen die angebliche „Islamisierung“ Europas auf dem Breitscheidplatz zu mobilisieren. Ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Vereinen u. a. ruft zu einer Gegendemonstration gegen antimuslimischen Rassismus auf.
Nachdem Pax Europa von dem geplanten Gegenprotest erfahren hat, wurde der Aufruf auf ihren Internetseiten geändert. Pax Europa spricht nun nicht mehr von einer Kundgebung gegen die „schleichende Islamisierung unserer Gesellschaft“ und gegen die „Okkupation des 3.10. als ‚Tag der offenen Moschee’“. Stattdessen wird zu einer Kundgebung „für Menschenrechte“ aufgerufen. Dieser Strategiewechsel ist nicht überraschend, denn Pax Europa versucht wie Pro Köln und ähnliche Gruppen ihr Image als Rechtspopulisten loszuwerden. Die taktisch eingesetzte Menschenrechts-Rhetorik kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pax Europa gegen eine Minderheit in unserem Land hetzt und damit antidemokratische Propaganda betreibt (mehr Hintergrundinformationen zu Pax Europa).
Aufruf des Bündnisses:
FÜR EIN OFFENES EUROPA FÜR ALLE – GEGEN ANTIMUSLIMISCHEN RASSISMUS
Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, laden Musliminnen und Muslime seit Jahren bundesweit zum „Tag der offenen Moschee“ ein. Dies ist der „Bürgerbewegung Pax Europa“ ein Dorn im Auge, die deshalb an diesem Tag zu einer antimuslimischen Kundgebung aufgerufen hat.
Wir wenden uns hiermit gegen den Versuch der „Bürgerbewegung Pax Europa“, Ängste zu schüren und Vorurteile zu verstärken. Ihre Anhängerinnen und Anhänger fantasieren den Untergang des „christlich-jüdischen Abendlandes“ durch eine „schleichende Islamisierung“ Europas herbei und stigmatisieren Musliminnen und Muslime rassistisch. Ihr Konstrukt eines exklusiv „christlich-jüdischen Abendlandes“ zielt mit kulturrassistischen Argumenten darauf ab, Musliminnen und Muslime auszugrenzen und ein Feindbild Islam aufzubauen. Wir dagegen treten für ein offenes Europa und ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen ein – unabhängig von Kultur, Religion oder Herkunft.
Rechtspopulistische Propaganda bildet einen geistigen Nährboden für rassistische Ausgrenzung bis hin zu gewalttätigen Übergriffen und Morden. Das aktuelle Beispiel des Mordes an der Ägypterin Marwa El-Sherbini in Dresden verdeutlicht, wohin Hass gegen Musliminnen und Muslime letztendlich führen kann.
Die Stadt Köln hat sich erfolgreich gegen Veranstaltungen rassistischer Gruppierungen wie „Pro Köln“ mit einem breiten Bündnis aus Zivilgesellschaft und Politik zur Wehr gesetzt. Diesem Beispiel wollen auch wir in Berlin folgen und antimuslimisch-rassistische und damit demokratiefeindliche Agitation nicht zulassen.
Deswegen rufen wir alle Berlinerinnen und Berliner zu einer Gegendemonstration auf! Diese beginnt am 3. Oktober um 13 Uhr am Hardenbergplatz (Bahnhof Zoologischer Garten).
Ständige Aktualisierung: www.reachoutberlin.de
Um 12 Uhr findet in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ein Friedensgebet mit Vertretern und Vertreterinnen verschiedener Religionsgemeinschaften für ein offenes Europa ohne Diskriminierungen statt.
Es rufen auf:
Arbeiterwohlfahrt Friedrichshain-Kreuzberg e.V. | Superintendent Carsten Bolz (Evangelischer Kirchenkreis Charlottenburg) | Christine Buchholz (MdB, DIE LINKE) | Neco Çelik, Regisseur | Dachverband der arabischen Vereine in Deutschland e.V. | Samir Fetic (ver.di AK Migration, stellv. Sprecher AK Grüne Muslime NRW) | GEW Berlin | GEW-Bezirksleitung Neukölln | GLADT (Gays & Lesbians aus der Türkei e.V.) | Victor Grossman (Publizist) | Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft e.V. | Initiative “Wir sind Pankow – tolerant und weltoffen” | Interkultureller Rat | Internationale Liga für Menschenrechte | Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V. (EJJP Deutschland) | Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt Friedrichshain-Kreuzberg e.V. | Susanna Kahlefeld und Jochen Biedermann (SprecherInnen Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen Neukölln) | Ska Keller (MdEP, Bündnis 90/Die Grünen) | Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Flüchtlinge, Bündnis 90/Die Grünen Berlin | Aiman Mazyek (ZMD, Zentralrat der Muslime in Deutschland) | Migrationsrat in Berlin-Brandenburg | Dr. Andreas Nachama (Rabbiner) | Nahost Komitee in der Berliner Friko | Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus – für Demokratie und Vielfalt (Moskito) | Omid Nouripour (MdB, Bündnis 90/Die Grünen) | Reachout (Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) | Prof. Dr. Werner Ruf | Irene Runge für Jüdischer Kulturverein Berlin e.V. | Klaus Staeck (Berliner Ratschlag für Demokratie, Präsident der Akademie der Künste) | Hanns Thomä (Beauftragter für Migration und Integration der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) | ufuq.de – Jugendkultur, Medien und politische Bildung | Irmgard Wurdack und Ruben Lehnert (SprecherInnen DIE LINKE.Neukölln) | Zukunftswerkstatt Heinersdorf
Weitere Unterstützer:
ADNB (Antidiskriminierungsnetzwerk des Türkischen Bundes)
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
AK Grüne MuslimInnen (Bündnis 90/Die Grünen)
Ali Bas und Hasret Karacuban (SprecherInnen des AK Grüne MuslimInnen, Bündnis 90/Die Grünen)
Marwa Al-Radwany (Initiative Grenzen-Los!)
Antifaschistisches / Soziales Forum
Arabischer Publizisten-Verein Deutschlands e.V (APVD)
AWO Bundesverband e.V.
Bündnis 90/Die Grünen Kreisverband Neukölln
Bündnis 90/Die Grünen Landesverband Berlin
Fatih Cengiz / Hamburg
Muhammet Cengiz / Hamburg
Clear Blue Water e.V.
Ali Al Dailami (Mitglied des Bundesvorstandes der Partei Die Linke, Migrationspolitischer Sprecher der Partei Die Linke)
Elias Davidsson
DITIB Landesverband Berlin
Erzbistum Berlin (Katholische Kirche in Berlin, Brandenburg und Vorpommern)
Deutschsprachiger Muslimkreis Berlin (DMK)
DGB Bezirk Berlin-Brandenburg
DIE LINKE.Neukölln
Eckert, Albert (Erbenberater)
Eine Welt der Vielfalt Berlin e.V.
Fussballfans gegen Gewalt und Rassismus im Stadion
Gesicht Zeigen!
IGMG Landesverband Berlin
Initiative Berliner Muslime (IBMUS)
Inssan – für kulturelle Interaktion e.V.
Institut für Medienverantwortung
Interkulturelles Zentrum für Dialog und Bildung e. V.
Islamische Föderation in Berlin
Ulla Jelpke (MdB, DIE LINKE)
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
Dr. Wolfgang Lenk (Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzender des Ausschusses für Integration/Migration der BVV in Friedrichshain/Kreuzberg
Arne List (Kiel)
Mennonitisches Friedenszentrum Berlin (MFB) – Martina Basso, Pastorin
Niema Movassat (MdB, Mitglied des Parteivorstandes DIE LINKE)
Muslimische Stimmen
MÜSIAD Berlin
Özcan Mutlu (MdA Berlin, Bündnis 90/Die Grünen)
Brigitte Ostmeyer, (Mitglied im Parteivorstand DIE LINKE)
Cigir Özyur
Palästinensischer Studentenverein (Berlin)
Dr.med. Dagmar Schatz (Ärztin, Sonthofen)
S.K.E.T. (Schnelle Kulturelle Eingreiftruppe)
stattweb.de
Heike Steller-Gül (Pfarrerin, Islambeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Neukölln)
The incredible Herrengedeck
Türkisches Wissenschafts- und Technologiezentrum Berlin e.V (BTBTM e.V.)
Andreas Unger
Holger Werner (Kampagne Musik gegen Gewalt)
Zentrum für interreligiösen Dialog Berlin-Moabit (ZiD e.V.)
Zentrum für Politische Schönheit (Aktionskünstler)
Wenn Sie diesen Aufruf unterstützen wollen, senden Sie bitte eine Mail (mit Angabe von Organisation und Adresse) an: info@reachoutberlin.de.
(Hinweis: Die UnterstützerInnenliste wird nicht moderiert)
Programm:
3. Oktober 2009
12.00 Uhr:
Friedensgebet mit Vertretern und Vertreterinnen verschiedener Religionsgemeinschaften in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Breitscheidplatz
13.00 Uhr:
Auftaktkundgebung am Hardenbergplatz (Bahnhof Zoologischer Garten)
Es sprechen Barbara John (ehemalige Integrationsbeauftragte Berlin), Ralf Meister (Generalsuperintendent, Evangelische Kirche Berlin), Omid Nouripour (MdB, Bündnis 90/Die Grünen), Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime in Deutschland), Fatine Matarié (Dachverband der arabischen Vereine in Deutschland e.V.), Iris Hefets (Jüdische Stimme für gerechten Frieden), Christine Buchholz (MdB, Die Linke), Jürgen Schulte (GEW-Berlin), Ska Keller (MdE, Bündnis 90/Die Grünen), Tülin Duman (GLADT)
Vielfältiges Kulturprogramm mit Musik und Theater!
(mit Sister Fa, Daad, Clear Blue Water, Trommlertrio Alpha Oularé, The Incredible Herrengedeck, Cigir Özyur, Die Sufitaverne, u.a.)
Der Aufruf kann hier als pdf abgerufen werden.
16. December 2008 um 2:36 pm · Abgelegt unter Medienspiegel
Von Nina Mühe
Das fragt sich Rita Breuer, Buchautorin, Islamwissenschaftlerin und Autorin für Broschüren des Bundesministeriums des Inneren, in einem Artikel der aktuellen EMMA ((EMMA Nr. 6 (287) Nov/Dez 2008 S. 52ff; Alle nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Artikel.)) und meint dabei deutsche Frauen, die den Islam angenommen haben.
Es geht der Autorin aber keineswegs allein um Konvertitinnen-Schelte, vielmehr redet sie in ihrem Artikel einer längst überfälligen Klarheit in der Kritik von Muslimen und dem Islam im allgemeinen das Wort, welche ihre Kollegen in der Wissenschaft vermissen ließen, welche statt dessen ihre Augen vor der Realität verschließen würden. Mittels einer doch für eine Wissenschaftlerin und Referatsleiterin des Bundesverfassungsschutzes eher unwissenschaftlichen Polemik, vermengt die Autorin alle schlagzeilenträchtigen Themen vom Kopftuchzwang für Jugendliche durch islamistische Organisationen bis zur prekäre(n) Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt ungeachtet einer näheren Erläuterung konkreter Zusammenhänge und ohne jegliche Quellenverweise, die ihre Aussagen belegen könnten.
Der Aufhänger ihres Artikels ist das Wort „Islamophobie“, welches sie zum Unwort des Jahres 2008 gekürt sehen möchte, weil sie darin lediglich den Versuch sieht, kritische Stimmen zum Islam zum Schweigen zu bringen. Jene Islam-Kritik, möchte sie jedoch klar von tumber Islam-Feindlichkeit unterschieden wissen, mit der wir wohl alle nichts zu tun haben wollen und schließt an diese Einleitung und die Betonung ihrer Honorität durch den Verweis auf ein Vierteljahrhundert der Arbeit als Islamwissenschaftlerin, eine bloße Aneinanderreihung islamfeindlicher und zutiefst unwissenschaftlicher Argumentationen.
So postuliert Frau Breuer beispielsweise,
dass Kinder und Jugendliche im konservativ-islamischen Milieu systematisch zur Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft erzogen werden und von Wahlfreiheit für oder gegen das Kopftuch keine Rede sein kann.
Einen Beleg oder Verweis auf irgendwelche wissenschaftlich relevanten Quellen ((Für eine – unvollständige – Sammlung von wissenschaftlichen Studien zum Kopftuch muslimischer Frauen siehe den Blogeintrag Kopftuchstudien vom 23. Nov. sowie den Artikel Mit Kopftuch – zu Recht? – außen vor? im Bereich “Medienanalyse” auf nafisa.de)) bleibt sie schuldig, und der Leser muss sich mit dem Hinweis auf ihre langjährige Arbeit als Islamwissenschaftlerin begnügen.
Die postulierte Tatsache, dass man (islamische Verbände? Die Muslime?)
der deutschen Gesellschaft mit massiven Forderungen und hohem missionarischen Anspruch gegenübertritt
wird ohne weitere Erläuterung in direkten Zusammenhang mit der prekären Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt gestellt. Nicht nur spricht die Autorin von der deutschen Gesellschaft, der die fordernden Subjekte gegenüber stehen, nicht etwa Teil derselben wären, sondern implizit lehnt sie die massiven Forderungen (Ob es sich hier um repräsentative Moscheen, Lehrerinnen mit Kopftuch oder etwas anderes handelt kann man nur mutmaßen) ab, solange es eine ungerechte Behandlung von religiösen Minderheiten in der islamischen Welt gibt. Das Einfordern von Grundrechten in diesem Staat wird also nicht nur von der eigenen (wie auch immer definierten) Integration der Muslime in diesem Land abhängig gemacht – was an sich schon eine Ungleichbehandlung verschiedener Individuen vor dem Recht bedeuten würde – sondern von den Minderheitenrechten in der, ebenfalls nicht definierten islamischen Welt, also in Ländern, von denen einige wohl eher mit diktatorischen denn demokratischen Mitteln regiert werden.
Die Autorin bedient sich gerne der verschiedensten Stereotype, um ihre Argumente zu verbildlichen. So erzählt sie von einer Konferenzteilnehmerin als einer äußerst westlich auftretender Juristin mit afghanischen Wurzeln, was schon den Widerspruch zu reflektieren scheint, dass diese Juristin von demokratischen Grundsätzen in der afghanischen Verfassung spricht und gleichzeitig sagt, dass diese unter dem Vorbehalt des islamischen Rechts, der Scharia stehen würden. Frau Breuer bescheinigt der Referentin daraufhin eine gänzliche Unkenntnis der Scharia, sowie auch die Zuhörerinnen und einige andere Podiumsteilnehmer vom Thema „Islam in Deutschland“ keinerlei Ahnung zu haben scheinen.
Die eigene Essentialisierung jedoch scheint ihr nicht aufzufallen, und so hält sie ein flammendes Plädoyer für die Ablehnung des Begriffs „Islamophobie“, den sie als Taktik einer undifferenzierten pro-islamischen Lobby begreift, und der den – ohnehin nur zum schachmatt Setzen verwendeten – Begriff des Rassismus abgelöst habe.
Und so fährt sie mit den Festschreibungen fort, denen das Gegenüber auf keinem Weg entrinnen kann, indem sie bildreich eine neue Generation deutscher Konvertitinnen beschreibt, die es vorziehe, in der Öffentlichkeit keinen islamischen Namen zu tragen. Dass diese Frauen ihn im Privaten, also heimlich, tragen wird hier indirekt unterstellt, und folgerichtig wird der Verzicht auf die Namensänderung auch nicht als ein integratives Bemühen oder schlichte Normalität gewertet, sondern die völlige Normalität von Islam-Zugehörigkeit Deutscher solle hier lediglich suggeriert werden, oder es handele sich um ein Mittel zum Zweck, um die strategische Position im Islam-Diskurs zu verbessern. So oder so hat das Gegenüber keine Chance sich außerhalb des Misstrauensdiskurses und der unterstellten Täuschung zu positionieren.
Die Essentialisierung der hier lebenden Menschen mit muslimischem Glauben oder muslimischem kulturellem Hintergrund als „die Muslime“, die in ihrer undifferenzierten Masse nicht nur für alle Probleme „der Muslime“ in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt zur Verantwortung gezogen werden sollen, bevor man in Deutschland ernsthaft über gleichberechtigte Integration sprechen kann, ist von einigen polemischen Medien- wie Politikvertretern weithin bekannt. Ebenso der Täuschungsvorwurf, der jegliches positive Bemühen, sich in die Gesellschaft einzubringen, für nichtig erklärt, weil man ja nie wisse, was sich wirklich dahinter verberge. Dass aber eine erklärte Wissenschaftlerin, die gleichzeitig als Beraterin für das Bundesministerium des Inneren sowie den Bundesverfassungsschutz fungiert, dieser Polemik in derartig offener und unverhohlener Weise verfällt, stimmt doch sehr nachdenklich.