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Kommentierte Linksammlung 07/09

  • Die guten Nachrichten zuerst: Mahinur Özdemir, die erste Politikerin mit Kopftuch in der EU, legt ihren Amtseid ab und wird mit standing ovations im EU-Parlament begrüßt.
  • Die Ägypterin Dr. Nadia El-Awady wurde zur Vorsitzenden des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten ernannt, der offenbar lieber auf Qualifikationen als auf ein Kopftuch achtet.
  • Und noch eine ägyptische Journalistin war erfolgreich: Ethar Kamal El-Katatney hat den CNN’s MultiChoice African Journalist Award für ihren Artikel “The Business of Islam” gewonnen.
  • Einige Wochen nach dem Mord an Marwa el-Sherbini wird das Problem der Islamfeindlichkeit in Deutschland etwas breiter diskutiert. Hier ein Debattenbeitrag von Hilal Sezgin in der taz: Das reine deutsche Gewissen. Zu den Versäumnissen von Politik und Medien findet sich ein lesenswerter Beitrag in der World Socialist Web Site, der auch die Frage stellt, was gewesen wäre, wenn…
  • Interessant sind vor allem die Beiträge von Wissenschaftlern. Hier ein Interview (bereits vom 08.07.) mit der Berliner Forscherin Iman Attia – wieder in der taz, die sich dem Thema Islamfeindlichkeit unter den großen Tageszeitungen bisher am intensivsten gewidmet hat.
  • Nochmal die taz: Diesmal im Interview mit Kübra Yücel, Studentin der Politikwissenschaft, Journalistin und Bloggerin über die Erfahrungen kopftuchtragender Frauen in Deutschland und den Umgang mit Islamophobie.
  • Lokale Solidaritätsbekundungen gab es auch außerhalb von Dresden: Erlanger Bürger setzten mit einem Schweigemarsch ein Zeichen gegen Rassismus und Islamfeindichkeit.
  • Am 15.7. wurde die tschetschenische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Natalya Estemirova entführt und ermordet. Sie war Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich mit Morden und Entführungen in Tschetschenien beschäftigt. Hier eine Ehrung von Human Rights Watch. Die Beisetzung mit Totengebet fand am Abend des darauffolgenden Tages statt.
  • Nach dem Aufenthaltsgesetz haben Ausländer beim Scheitern einer Ehe vor Ablauf von zwei Jahren dennoch Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, wenn es zur Vermeidung einer besonderen Härte erforderlich ist. In diesem Fall wollte ein Mann seine Frau seine Vorstellungen von einer muslimischen Ehefrau durch physischen und psychischen Druck aufzwingen, weshalb sich die Frau von ihm trennte. Schade nur, dass sie ihr Recht auf eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis erst von einem Gericht zugesprochen bekam und nicht gleich von den zuständigen Behörden erhielt.
  • Eine Idee aus Rotterdam wird in Neukölln umgesetzt: Stadtteilmütter, Migrantinnen aus den verschiedensten Herkunftsländern, werden geschult und engagieren sich u.a. in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Suchtvorbeugung. Eine davon: Djamila Boumekik, die wegen einer nicht anerkannten Ausbildung und ihres Kopftuchs keinen Platz im Berufsleben fand, kann nun ihre Fähigkeiten für andere einsetzen.
  • Die Universität Würzburg gab die Ergebnisse einer Studie zu türkischen Mädchen in Deutschland bekannt. Ein Ergebnis ist, dass die Mädchen selbstbewusster und integrierter sind, als bisher angenommen. So gaben 77 Prozent der befragten Mädchen an, dass sie sich beim Thema Traumberuf nicht von den Eltern reinreden lassen. Streit um die Berufswahl scheint es ohnehin selten zu geben. Nur jeweils zwölf Prozent der Mädchen und Jungen berichten, wegen dieses Themas sehr häufig mit den Eltern zu streiten.
  • Laut Aussagen der zuständigen Polizei rechtfertigte ein afghanischstämmiger Münchner den Mord an seiner Ex-Ehefrau mit dem Koran. Der Stellvertretende Staatsanwalt relativiert das Motiv: “Wobei Thiess die Grenzen zwischen ‘Ehre’ und ‘Eifersucht’ als fließend sieht. ‘Die Täter wollen ihre Tat oft mit hehren Motiven begründen. Dabei geht es meist um Eifersucht und darum, das Gesicht nicht zu verlieren.’” Sidigullah Fadai, Imam in Sendling, deutet die Begründung des Täters als Schutzbehauptung, die keinerlei Grundlage im Koran oder dem Vorbild des Propheten hätte.

Kommentierte Linksammlung 06/09

  • Aufgrund ihres Seltenheitswertes, eine Nachricht aus Kanada: Dort ist eine Frau zum Vorstand einer Moschee gewählt worden. Via MuslimahMediaWatch.
  • Eine Berliner Frauenärztin spricht selbstkritisch über Ihre Arbeit mit Frauen, die sich das Jungfernhäutchen operativ rekonstruieren lassen.
  • Die Schweizerin Sura Al-Shawks ist Kapitänin ihres Basektballteams. Nach ihrem Aufstieg in eine höhere Liga, darf sie nun auf Geheiß des zuständigen Verbandes kein Kopftuch mehr tragen.
  • Die Zeit porträtiert Nilüfer Göle – eine türkischstämmige Soziologin an der Sorbonne – und beschreibt ihre Ansichten zum Phänomen “Schleier in der Moderne” und wie sie damit besonders bei Säkularisten im eigenen Land aneckt.
  • Die ehemalige MTV-Moderatorin Kristiane Backer hat eine Biographie über ihren Weg im Islam geschrieben. Einfühlsam, authentisch und lesenswert.
  • Nach einem langen Verfahren darf eine Familie nun endlich ihre Tochter zum Familienurlaub nach Äthiopien schicken. Durch Gerüchte am Arbeitsplatz, den Einsatz einer Anti-Verstümmelungsinitiative und das Jugendamt vor Ort stand die Familie unter dem Verdacht, ihre Tochter im Genitalbereich verstümmeln lassen zu wollen. Zur Teils absurden Argumentation vor Gericht schreibt dieser Artikel bei Politblogger: Schuldig bei Verdacht.
  • Ein Vater ersticht seine Tochter im Schlaf. Möge Allah Büsras Seele gnädig sein, Amin.
  • Endlich politische Lösung für Opfer von Zwangsheirat in Sicht? NRW fordert von der Bundesregierung eine Erleichterung auch für solche Opfer, die sich nicht mehr in Deutschland aufhalten, indem sie leichter an einen Aufenthaltstitel in Deutschland kommen sollen. Leider ist in dem Artikel nur von weiblichen Opfern die Rede. In welchem Maße auch Männer von Zwangsehen bedroht und belastet sind, verdeutlicht ein TAZ-Artikel: Der Mann an ihrer Seite.
  • Rudolph Chimelle kommentiert auf Deutschlandradio die von Sarkozy in Frankreich angeregte Burka-Verbot-Debatte. Sehr gute Analyse!
  • Die Islamkonferenz beendet ihre erste Phase mit Handlungsempfehlungen für den Umgang von Lehrern mit Schwimmunterricht verweigernden muslimischen Eltern. Damit problematisiert die Islamkonferenz ein Thema, dass, laut eigener Studie, eher ein Randproblem ist. Die Tagesschau beleuchtet die (nicht vorhandene) Datenlage und verdrehte Argumentation der Islamkonferenz: Scheindebatte am Beckenrand.
  • Amira El Ahl porträtiert auf Qantara.de Dalia Mogahed, Mitglied des Beraterstabs von US-Präsident Obama für interreligiöse Angelegenheiten: Jede Tat beginnt mit einem Wort.

Ehrenmord im Tatort

Beim Tatort ist man im letzten Jahr scheints recht bemüht gewesen, eigene Tabus in der Thematisierung von Gewalt im “Migrantenmillieu” zu brechen. So kommt es heute Abend zum mittlerweile vierten “Türkentatort”. Hier wird das Thema Ehrenmord aufgegriffen – passend zum Jahrestag des Mordes an Hatun Sürücu und zur bevorstehenden Urteilsverkündung im Falles des Mordes an Morsal O. ((Die Klassifizierung dieses Falles als “Ehrenmord”, wird von der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichs in Frage gestellt, handelt es sich doch nicht um einen von der Familie in Auftrag gegeben oder zumindest gebilligten Mord. Einen Artikel dazu gibt es hier. Obligatorischerweise sei bemerkt, dass die Tat deswegen nicht weniger verabscheuenswert ist.)) Das Drehbuch zu diesem Tatort mit dem Titel “Familienaufstellung” schrieben Thea Dorn und Seyran Ates. In einem Interview mit den beiden in der Welt gibt Thea Dorn bekannt, wie sie zu der Idee zu diesem Tatort kam:

Der Sender wollte mich gern wieder engagieren, aber erst als Seyran anfing, mir in den Ohren zu liegen, gab ich mir den entscheidenden Ruck. Und natürlich musste auch die Zeit reif sein. Vor “9/11″ hätte sich kein Sender an einen Film herangetraut, der sich mit Gewalt in der türkisch-muslimischen Community beschäftigt.

Interessant ist nicht nur, dass hier Seyran Ates als die treibende Kraft hinter dem Drehbuch scheint, sondern, dass ein direkter Zusammenhang hergestellt wird zwischen “Gewalt in der türkisch-muslimischen Community” und religiös-extremistischen Terroranschlägen. Die dahinterstehende Assoziationskette ließe sich folgendermaßen umreißen:

  1. Gewalt in türkischen (gleichzusetzen mit muslimischen) Familien ist spezifisch und unterscheidet sich deshalb grundsätzlich von Gewalt in Familien anderer Nationalitäten/Religionen.
  2. Diese Gewalt hat also ihre Ursache in der Nationalität/Religion.
  3. Die Täter des elften Septembers waren auch Muslime, die Gewalt ausübten.
  4. Wir haben es hier mit zwei Konstanten zu tun: Islam und Gewalt, also schließen wir “Islam gleich Gewalt” und am bequemsten auch gleich umgekehrt.

Frau Ates erzählt im Interview, wie sie Frau Dorn in Vorbereitung auf das Thema öfter auf Feste in der “türkischen Community” mitgenommen habe. Frau Dorn ist in diesem Zusammenhang um eine Erkenntnis reicher geworden:

Bei vielen dieser Veranstaltungen war ich unter 300 Leuten die einzige ohne Migrationshintergrund. Lustig, wenn ich dann am nächsten Tag wieder mal in der “taz” las, es gäbe keine Parallelgesellschaften.

Lustig finde ich, dass sie zu dieser Erkenntnis erst auf einer türkischen Hochzeit kommt. Ich fand z.B. schon auf meiner Abitur-Ehrung komisch, dass sich dort niemand mit Migrationshintergrund wieder fand, obwohl meine Heimatstadt einen hohen Ausländeranteil aufweist.

Frau Dorn legt eine erschreckende Unkenntnis über das Funktionieren von Stigmatisierungen und Rassimus an den Tag, wenn sie im Welt-Interview folgendes Statement von sich gibt:

Wir halten ja auch nicht alle Gärtner für Mörder, nur weil sie uns in zig Krimis als solche gezeigt wurden

Im Falle des Gärtners ist es ja nie das Gärtnersein, das ihn zum Mörder macht. Im Falle von so genannten Ehrenmorden wird aber in der öffentlichen Debatte – und ich vermute auch in diesem Krimi – das Türkischsein bzw. Muslimsein als Ursache für eine Neigung zum Mord an Familienmitgliedern festgemacht. Traurig, dass man so etwas noch erklären muss.

Es gab schon ein paar Rezensionen zu dem Film. Im Cicero zeigt sich Josef Girshovich wenig begeistert von dem Film:

Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack. Dorn und Ateş geben sich Müde, die Krise junger Frauen mit Migrationshintergrund zu erfassen. Dabei geht es um mehr als bloße Kritik an traditioneller Lebensweise, an Zwangsehen, an unterwürfigen Frauen. Diesmal wird der Islam als solcher angegriffen. Schaut her, will uns “Familienaufstellung” zeigen, es ist die Ideologie des Islam, die selbst junge Frauen in den Abgrund treiben kann. Ist der Islam tatsächlich “zurückgeblieben”? Irgendwie wird man da das Gefühl nicht los, es gehe in “Familienaufstellung” um eine persönliche Abrechnung mit dem Islam, statt um einen kritischen Dialog mit einer großen monotheistischen Religion.

Im Kölner Stadtanzeiger geht Tilmann P. Gangloff auf Handlung und Botschaften des Films ein:

Auch unter Designer-Kopftüchern, so die streitbare Anwältin Ilhan kann sich fundamentalistisches Gedankengut verbergen.

Eine für viele schwer zu verdauende Wahrheit ist allerdings, dass sich fundamentalistisches ((Mal davon abgesehen, handelt es sich bei der Rechtfertigung von Mord bzw. der Haltung Mord sei eine Lösung für familiäre Probleme, nicht um eine fundamentalistische religiöse Einstellung, sondern um ein tradiertes Verhaltensmuster.)) Gedankengut auch unter einer schicken Kurzhaarfrisur “verbergen” kann. Auch eine weitere Wahrheit möchte ich nicht unerwähnt lassen (sie ist nicht neu): Solch Gedankengut lässt sich überhaupt nicht am Aussehen festmachen, auch wenn Frau Ates uns das immer wieder gerne weiß machen möchte.