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Kommentierte Linksammlung 12/09

Über Nafisa und andere muslimische Initiativen:

Die taz brachte einen langen Artikel über nafisa und andere Bemühungen muslimischer Frauen, in der Gesellschaft Anerkennung und Gehör zu finden.

Die selbe Journalistin berichtete kurz darauf auch über die Neugründung des Aktionsbündnisses muslimischer Frauen, welches auch in einem Video-Interview der Islamischen Zeitung diskutiert wurde, sowie über interessante Initiativen einer muslimischen Jugendkultur.

Ein weiterer Artikel über die Vereinbarkeit von Islam und Geschlechtergerechtigkeit und was verschiedene muslimische Denkerinnen zu dem Thema sagen, erschien in der Freitag.

Kopftuchdebatten

Nach den jüngsten Forderungen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin nach einem Kopftuchverbot für Schülerinnen entspann sich eine erneute Debatte zu dem für und wider eines solchen Verbots, die wir hier nur examplarisch darstellen wollen.

Dass es für ein solches Verbot keine rechtliche Grundlage gebe, erklärte der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) dem Tagesspiegel.

Dass das Kopftuchargument immer stärker für allgemeine Ressentiments gegen den Islam herangezogen werde, erklärte Hilal Sezgin in der Süddeutschen Zeitung. Unter diesen Ressentiments haben dann in der Folge gerade muslimische Frauen mit Kopftuch zu leiden, wenn sie beispielsweise wegen ihrer religiösen Kleidung nicht eingestellt oder entlassen werden. Gegen solche Entlassungen gibt es allerdings seit einiger Zeit eine rechtliche Handhabe durch das AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), das von immer mehr Frauen, wie einer jungen Arzthelferin in Dortmund, auch genutzt wird.

Erfolgreiche muslimische Frauen

Die Kenianische Friedensaktivistin Dekha Ibrahim Abdi hat eine sehr erfolgreiche Konfliktvermittlungsmethode entwickelt, die sie anfangs zwischen Christen und Muslimen in ihrem Land anwendete und mittlerweile zu Konfliktparteien in vielen verschiedenen Ländern exportiert. Sie ist die erste Frau aus dem subsaharischen Afrika und zweite Person muslimischen Glaubens, die den Hessischen Friedenspreis erhält.

Eine erfolgreiche muslimische Geschäftsfrau wurde auf spiegel online vorgestellt. Zwar lebt sie nicht in Deutschland, sondern im Oman, erschien uns aber trotzdem als ein interessanter Beitrag, da diese Porträts in den Medien ja noch nicht gerade an der Tagesordnung sind.

Gewalt und Diskriminierung

Die Studie einer Volkskundlerin zu „Ehrenmorden aus kulturanthropologischer Perspektive“ hat ergeben, dass die Zahl der tatsächlichen Ehrenmorde viel niedriger ist als bisher angenommen. Eine Ursache für die falschen Einschätzungen liegt laut der Wissenschaftlerin Anne Caroline Cöster darin, dass Hintergrundinformationen zu den tatsächlichen Fällen oft schwer zugänglich sind.

Der Journalist Kai Sokolowsky analysierte noch einmal den Mord an Marwa El Sherbini bzw. das mangelnde Problembewusstsein der Medien zu islamfeindlichen Einstellungen und Ressentiments in der Gesellschaft in den Medien, welches an der Berichterstattung über den Mord und die Verurteilung des Mörders deutlich geworden sei.

Ein weiteres trauriges Thema, das muslimische Frauen betrifft, ist der aktuelle Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftforums, der laut qantara.de feststellte, dass Frauen in der Türkei in punkto Gleichberechtigung auf Platz 129 von 134 landeten.

Konvertitinnen

Zum Jahresabschluss berichtete der Tagesspiegel über drei Frauen aus Berlin, die zum Islam konvertierten. Leider enthält der Artikel nicht viel neue Blickwinkel oder Erkenntnisse, sondern hat vielmehr eine für Artikel über Musliminnen recht übliche voyeuristische Tendenz und lässt die Position einer halb belächelnden, halb abgestoßenen Beobachterin an einigen Stellen relativ unverhohlen durchscheinen.

Minarettverbot in der Schweiz

Wer noch nicht genug zum Minarettverbot in der Schweiz gelesen hat und zudem gut englisch liest, kann sich hier nochmal detaillierte Hintergrundinformationen holen.

Ein sehr interessanter Artikel von unserem ehemaligen Bundeskanzler zu diesem Thema und der Sicht auf Muslime im allgemeinen ist in der Zeit erschienen, und an anderer Stelle erklärten Feministinnen ihre Positionen gegen Burka- und Minarettverbote – welche sich ja beide zumindest in der öffentlichen Darstellung der Debatte auch stark auf die Stellung der Frau im Islam und ihre vermeintliche Unterdrückung beziehen.

Kommentierte Linksammlung 10/09

  • Der Prozess um den Mord an Marwa el-Sherbiny hat Anfang dieser Woche begonnen. Eine Zusammenfassung des bisherigen Verlauf gibt es auf Musafira.de.
  • Eine Studie der Evangelischen Hochschule Freiburg kommt zu dem Ergebnis, dass Abtreibungen bei Fraun mit Migrationshintergund häufiger vorkommen, als bei “deutschen” Frauen. Während bei deutschen Frauen die Abbruchquote rund acht Prozent betrage, liege diese bei Frauen türkischer Herkunft bei 19 Prozent und bei Frauen osteuropäischer Herkunft bei 31 Prozent.
  • Die Initiative European Muslim Women of Influence 2010 ruft dazu auf, erfolgreiche muslimische Frauen mit Vorbildfunktion aus Europa zu nominieren.
  • In Österreich haben zwei Jugendliche bei einem Schulausflug das Kopftuch einer muslimischen Schulkameradin angezündet.
  • Ein Architekturbüro lehnt eine Kopftuch tragende Bewerberin ab - wegen “islamistischer Einstellung”. Nach unseren Informationen ist das für Ende Oktober angesetzte Verfahren mittlerweile zugunsten der Klägerin entschieden worden.
  • Hülya Dogan vom Bündnis für Frieden und Fairness (BFF) ist in das Bonner Kommunalparlament gewählt worden.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen

Hier ein sehr schönes Angebot des Antidiskriminierungsnetzwerks Berlin für muslimische Frauen in Berlin. Der Anmeldeschluss ist schon am 09.10.2009.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color: Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung Rassismus und Islamophobie

Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color und Musliminnen mit Migrationshintergrund

Rassismus und Diskriminierung sind alltägliche Bestandteile und „Normalität“ im Leben von Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen of Color in Deutschland. Unter dem Aspekt der Mehrfachdiskriminierung ergeben sich nicht selten verstärkende Ohnmachtserfahrungen, wenn z.B. Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht und Religion zusammenwirken.

Den unfassbaren Mord an Marwa El Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal hat das ADNB des TBB zum Anlass genommen, ein spezielles Empowerment-Seminar gegen Rassismus für muslimische Frauen of Color anzubieten. Der Mord hat vor allem Musliminnen in ihrem Selbstverständnis, ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu sein, tief getroffen und verunsichert. Mit diesem Training möchten wir den betroffenen bzw. potentiell betroffenen Frauen einen geschützten Raum anbieten, in dem es möglich ist, ohne Angst und Scham über eigene rassistische und diskriminierende Alltagserfahrungen als Musliminnen of Color zu sprechen und auszutauschen. In einem weiteren Schritt sollen gemeinsam Handlungsstrategien entwickelt werden.

Dieses Empowerment-Training richtet sich ausschließlich an Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen of Color mit einer familienbiographischen muslimischen Identität, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache und/oder ihres Kopftuches mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert werden.

Empowerment bedeutet die Stärkung der eigenen Person. Ziel dieser Fortbildung ist es daher, in einem „geschützten“ Raum den erlebten und erfahrenen Rassismus, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und den „verinnerlichten“ Rassismus zur Sprache zu bringen. Aber auch bereits vorhandene individuelle Strategien und Wissen gegen Rassismus und Diskriminierung werden im Gruppenprozess ausgetauscht, sich bewusst gemacht, reflektiert und erweitert.

Empowerment wird somit im Sinne von Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung erfahrbar.

Die Fortbildung besteht aus 2 Modulen, die aufeinander aufbauen. Daher ist die Teilnahme an beiden Modulen verbindlich.

Das Seminar findet am 14. – 16.10.2009 (Modul 1) und 04. – 06.11.2009 (Modul 2) täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr statt.

Schriftliche Anmeldung bis zum 09.10.2009 erforderlich (siehe Anmeldebogen unten).

Das Seminar selbst ist kostenfrei, allerdings erheben wir für Snacks, Getränke und Kopien einen Selbstkostenbeitrag von 5 Euro pro Modul.

Trainerinnen:

  • Nuran Yiğit (Diplom-Pädagogin; Projektleiterin ADNB des TBB; HAKRA-Empowerment-Trainerin)
  • Yasmina Gandouz (angehende Diplom-Sozialarbeiterin, Mitarbeiterin im Mädchentreff Bielefeld e.V., Empowerment-Trainerin)

Veranstalter:

  • Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des TBB,
  • Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
  • HAKRA – Projektinitiative gegen Rassismus und Diskriminierung aus der People of Color Perspektive

Veranstaltungsort:
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
An der Urania 4-10
1. Etage/ Seminarraum R120
10787 Berlin (Schöneberg)

Anmeldung:
Schriftlich per Post, Fax oder E-Mail:
Anmeldeschluss: 09.10.2009

Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin –ADNB des TBB
c/o Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg
Tempelhofer Ufer 21, 10963 Berlin

Tel.: 030/ 61 30 53 28
Fax: 030/ 61 30 43 10

E-Mail: adnb@tbb-berlin.de
Ansprechpartnerin: Nuran Yiğit

Schriftliche verbindliche Anmeldung für beide Module „Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie“ unter Angabe von:

Name:
Vorname:
Anschrift, Ort:
Telefon:
E-Mail:
Herkunft/ Migrationshintergrund:
Alter:
Beruf/Tätigkeit/Organisation:

Studie zu muslimischen Frauen in London, Brüssel und Turin

Relativ unbemerkt ist im letzten Jahr eine Studie zu muslimischen Frauen in Europa erschienen. Durchgeführt wurde die qualitative Studie mit Teilnehmerinnen aus London, Brüssel und Turin. Geleitet wurde sie von Dr. Sara Silvestri ((London’s City University und Cambridge University, UK)) im Auftrag der König Baudouin Stiftung in Belgien.

Europe's Muslim women: potential, aspirations and challenges Qualitative study based on interviews with Muslim women in Brussels, London and Turin (2008).

Europe's Muslim women: potential, aspirations and challenges Qualitative study based on interviews with Muslim women in Brussels, London and Turin (2008).


Für die Untersuchung wurden insgesamt 49 Frauen interviewt. Die Studie sollte Erkenntnisse darüber liefern, inwieweit der Islam als Religion die Erfahrungen europäischer Musliminnen prägt. Die Studie hatte zum Ziel, die Stimme muslimischer Frauen, ihre Probleme und Sehnsüchte zu erforschen.

Die Ergebnisse der Studie lassen sich laut Zusammenfassung der Autorin wie folgt formulieren:

  1. Es lässt sich keine strikte Gegenüberstellung der Einstellungen muslimischer Frauen in feministisch/modern und konservativ/zurückgeblieben vornehmen. Dies sei unzulässig, da die Befragten angaben, sich freiwillig und mit Zuneigung ihrer Religion zu widmen, gleichzeitig aber kulturalistische Interpretationen muslimischer Gemeinschaften und Führer ablehnten.
  2. Die meisten der Befragten waren europäische Bürgerinnen und fühlen sich Europa, seinen Werten, Gesetzen und politischen Strukturen zugehörig, zeigten sich aber deswegen umso mehr frustriert über Diskriminierungen und Fehlrepräsentationen als unterdrückte willenlose Wesen.
  3. Muslimische Frauen entwickeln laut der Studie vielfältige Potentiale, innerhalb ihrer eigenen religiösen Traditionen und Gemeinschaften Veränderungen anzustoßen.
  4. Die Befragten gaben an nicht unter einschränkenden Gesetzen leben zu wollen wie es derzeit etwas in Staaten wie Iran oder Saudiarabien herrscht. Sie fühlten sich privilegiert in Staaten zu leben, die ihre Recht auf Geschlechtergleichheit, Unterschiedlichkeit und Grundfreiheiten schütze. Sie gaben an, dies auch für ihre Kinder und zukünftige Generationen von Muslimen zu wünschen.
  5. Was die Wünsche muslimischer Europäerinnen für sich und zukünftige Generationen anging, so zeigten sich die Befragten hier als gänzlich normal. Zu ihren Träumen gehört: als Individuen respektiert zu werden, in Frieden zu leben, sich integriert zu fühlen, eine gute Ausbildung zu erhalten, einen angemessenen Job zu bekommen und eine glückliche Familie zu haben.

Die komplette Studie kann man hier kostenlos herunterladen.