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Einträge der Kategorie Medienspiegel

Ein gerechtes Urteil – und doch bleiben Fragen

Alle haben alles richtig gemacht – und doch ist zuletzt ein Mensch tot.

So endete ein Artikel bei Zeit online über den Prozess und die Urteilsverkündung im Mordfall von Marwa El-Sherbini am 11. November. Die deutsche, wie auch die ägyptische Presse waren zurecht voll des Lobes für den gerechten Urteilsspruch der deutschen Justiz, der – wenn er auch das Leid nicht mildern konnte – zumindest die Schwere der Tat herausstellte und entsprechend ahndete. Und tatsächlich hatten sich sehr viele Menschen in dem ganzen Verlauf des Falles offensichtlich sehr gut und gerecht verhalten, angefangen von den Umstehenden auf dem Spielplatz, auf dem Marwa und ihr kleiner Sohn von dem späteren Mörder beleidigt worden waren – sie redeten auf den Beleidiger ein und unterstützten die Beleidigte in dem Bestreben, sich zu wehren, indem sie ihr Handy zur Verfügung stellten um die Polizei zu rufen – über die Polizisten, die den Fall nicht verharmlosten – wie es Opfer in anderen Fällen immer wieder beklagen – sondern ihn aufnahmen und verfolgten, bis zum Gericht, das angesichts der fehlenden Einsicht des Beklagten, immer höhere Geldstrafen verhängte, und ebenfalls die Schwere seiner Beleidigungen und deren gefährlich-hasserfüllten Hintergrund herausstellte.

Aber dennoch bleibt ein eigenartiger Geschmack, angesichts einer scheinbar völligen Abwesenheit von Selbstkritik eines Gerichts, in dem es einem auffälligen jungen Mann, der schon schriftliche Drohgebärden an eben dieses Gericht gesandt hatte und, der schon in der ersten Verhandlung seine potentielle Gewaltbereitschaft zur Schau gestellt hatte, möglich gewesen war, ein langes Küchenmesser im Rucksack in den Gerichtssaal zu bringen und – unbehelligt durch jegliche Wachleute – 16 mal damit vor aller Augen auf sein wehrloses Opfer einzustechen. Gegen den Richter sowie gegen den Polizisten, der irrtümlich den Mann des Opfers anschoss und nicht den Täter, laufen längst Verfahren, in denen sie sich für ihre Entscheidungen verantworten müssen, aber das Gericht lässt auch hier keinerlei Selbstkritik aufkommen, wie eine Prozessbeobachterin in Dresden berichtet. ((Eine befreundete Anti-Diskriminierungs-Aktivistin war für die Urteilsverkündung nach Dresden gefahren, hatte von der zweistündigen Urteilsbegründung detailliert berichtet und damit Anlass für diesen Kommentar gegeben.))

Schon vor dem Verfahren in der ersten Instanz hatte dem Gericht ein Schreiben des späteren Mörders vorgelegen, in dem er seinen Hass nochmals schriftlich zum Ausdruck brachte und u.a. äußerte, niemand könne von ihm erwarten, ‘seine Feinde in seiner Nähe zu dulden’ und das Kopftuch hätte ihn und Deutschland als ‘Zeichen der Unterwerfung unter den Satangott’ beleidigt. Auch schon ganz zu Beginn der Begegnung mit Marwa und ihrem Sohn auf dem Spielplatz hatte er beide wohl schon indirekt bedroht, indem er Marwa und ihr Kind als potentielle Terroristen bezeichnete und drohte, wenn ihr Kind schaukele, schaukele es bis zum Tod ((Auf der Internetseite des Zentralrats der Muslime wird das Zitat anders wiedergegeben: “Das Kind darf nicht mehr hier auf dem Spielplatz spielen – wenn es doch kommt, werde ich bis zu seinem Tode hier schaukeln.”, was aber ebenfalls als Drohung verstanden werde kann.)) . Und schließlich hatte er bei seiner ersten Vernehmung ausgesagt: “Wenn ich Waffen oder Sprengstoff gehabt hätte, hätte ich die mit hierher gebracht” ((http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/1068421/)). Die zuständige Amtsrichterin für das erste Verfahren hatte bereits erwogen Wachschutz einzubestellen, sich aber dagegen entschlossen, weil der Angeklagte nicht gefährlich gewirkt hätte. ((http://www.zeit.de/2009/47/Prozess-Dresden)) Man ließ sich also durch den völlig subjektiven persönlichen Eindruck, den der Angeklagte auf die Entscheidungsträger machte, von einer bereits vorhandenen Befürchtung für die Sicherheit der Zeugin abbringen. Ein menschliches Versagen, wie es vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, dessen Rechtfertigung durch das Gericht allerdings nicht zu der ansonsten doch gewissenhaften und gründlichen Aufklärungsarbeit der Richterin bei diesem Prozess passen mag.

Auch die Frage, die aufkommen könnte, warum man nicht einfach vorsichtshalber – trotz des angeblich harmlosen Äußeren des Beklagten – Wachschutz in den Saal bestellt hätte, wird – wie eine Prozessbeobachterin ebenfalls erzählt – vom Gericht schon vorsorglich damit beantwortet, dass dieses Gericht eben Volksnähe vermitteln wolle.
Auch hier wird ein vielleicht nachvollziehbarer menschlicher Fehler erst durch die Rechtfertigung des Gerichts zu einer unangemessenen und unentschuldbaren Verharmlosung des Beklagten und Gefährdung der Zeugin, verstärkt durch den gar nicht volksnahen Eindruck, den der immense Umbau des Gerichtsgebäudes sowie dessen 2,5-wöchige Abschottung und das kollossale Polizeiaufgebot zum Schutz des Täters beim Prozess hinterlassen.

Und schließlich ist da der Polizist, der das Opfer anschoss, nicht den Täter, und den sicherlich auch keine besondere individuelle rassistische Einstellung zu dieser fatalen Wahl führte. Aber auch sein Handeln wird von der Richterin gerechtfertigt mit der Aussage, er hätte nur auf das Bein geschossen, das ihm am nächsten gewesen sei, und das obwohl das diesbezügliche Verfahren noch nicht beendet ist.
Sicherlich musste der unerwartet zu einem solchen Horrorszenario herbeigerufene Polizist sich innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden, auf wen er schoss, aber die Tatsache, dass es eben der Ägypter, nicht der Russlanddeutsche war, für den er sich entschied, kann nicht einfach mit dem Argument beiseite gewischt werden, auch der Täter hätte kein typisch deutsches Aussehen gehabt – er sei ja Russlanddeutscher – und deshalb könne Rassismus hier nicht zu der Fehlentscheidung beigetragen haben und schon gar nicht ausschließlich mit dem Argument, das eine Bein sei eben näher gewesen als das andere.

Der Rassismus und die Islamfeindlichkeit sind hier sicherlich nicht den Individuen anzulasten, die tatsächlich wohl zum größten Teil sehr vorbildhaft gehandelt haben, aber er sollte sehr wohl als gesellschaftliche Kraft stärker unter die Lupe genommen werden, und zwar nicht nur in ihrer absoluten Extremform im Fall von Alex W., sondern gerade in den – manchmal kaum merklichen – Einflüssen, die unsere Verhaltensmuster durchziehen und mitbestimmen.

Dann würde einem vielleicht doch auffallen, dass der Polizist – zu dessen beruflichem Alltag es gehört, Menschen aufgrund einer spezifischen Gruppenzugehörigkeit stärker zu verdächtigen als Andere – sich in dem Moment, in dem er nicht mehr überlegen konnte, möglicherweise nicht zufällig für den Ägypter als vermeintlichen Täter entschied.
Und es würde einem vielleicht auch auffallen, dass alle Beteiligten des Berufungsverfahrens den Angeklagten, trotz dessen gegenteiliger mündlicher und schriftlicher Äußerungen für harmlos hielten – weil er so ein ‘weiches Kindergesicht’ hatte – während das gesamte Gerichtsgebäude für sicherheitstechnische Maßnahmen umgebaut wurde, weil ein ägyptischer Dorfimam, den niemand kennt und niemand außer einigen deutschen Medien beachtet, zur Ermordung des Angeklagten aufgerufen hatte.

Das gerechte Urteil, das alle mit Erleichterung aufnahmen, hätte durch ein wenig Selbstkritik noch sehr viel tiefgreifender bezüglich der Ursachen für dezidiert islamophobe Attacken wie diese wirken können, weil dann möglicherweise – zusätzlich zu der Beteuerung der Gerechtigkeit der deutschen Justiz – auch ein Fokus auf die leider in diesem Land schon sehr weit verbreiteten islamfeindlichen Einstellungen und deren mögliche Ursachen geworfen worden wäre.

Rezension zu “Burka” von Eva Schwingenheuer

Silvia und ich haben eine Rezension zu den satirischen Karikaturen von Eva Schwingenheuer geschrieben. Viel Spaß beim Lesen!

Interview mit Silvia in der IZ

Silvia spricht in der IZ über ihren Weg zum Islam, ihr Studium, das Kopftuch als Symbol und Nafisa.de. Hier kann man das Interview lesen.

Film über arrangierte Ehen

Der Film “Arranged” handelt von der Freundschaft einer Jüdin und einer Muslimin und ihrem Weg in eine arrangierte Ehe. Mittlerweile kann man ihn auch auf Youtube sehen. Bei Kübra gibt es mehr zum Film und Ansichten zu arrangierten Ehen.

Zum Mord an Marwa e-Sherbiny

Silvia hat einen Kommentar zu den Reaktionen auf den Mord an Marwa el-Sherbiny in einem Dresdner Gericht geschrieben. Hier entlang…

Ehrenmord im Tatort

Beim Tatort ist man im letzten Jahr scheints recht bemüht gewesen, eigene Tabus in der Thematisierung von Gewalt im “Migrantenmillieu” zu brechen. So kommt es heute Abend zum mittlerweile vierten “Türkentatort”. Hier wird das Thema Ehrenmord aufgegriffen – passend zum Jahrestag des Mordes an Hatun Sürücu und zur bevorstehenden Urteilsverkündung im Falles des Mordes an Morsal O. ((Die Klassifizierung dieses Falles als “Ehrenmord”, wird von der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichs in Frage gestellt, handelt es sich doch nicht um einen von der Familie in Auftrag gegeben oder zumindest gebilligten Mord. Einen Artikel dazu gibt es hier. Obligatorischerweise sei bemerkt, dass die Tat deswegen nicht weniger verabscheuenswert ist.)) Das Drehbuch zu diesem Tatort mit dem Titel “Familienaufstellung” schrieben Thea Dorn und Seyran Ates. In einem Interview mit den beiden in der Welt gibt Thea Dorn bekannt, wie sie zu der Idee zu diesem Tatort kam:

Der Sender wollte mich gern wieder engagieren, aber erst als Seyran anfing, mir in den Ohren zu liegen, gab ich mir den entscheidenden Ruck. Und natürlich musste auch die Zeit reif sein. Vor “9/11” hätte sich kein Sender an einen Film herangetraut, der sich mit Gewalt in der türkisch-muslimischen Community beschäftigt.

Interessant ist nicht nur, dass hier Seyran Ates als die treibende Kraft hinter dem Drehbuch scheint, sondern, dass ein direkter Zusammenhang hergestellt wird zwischen “Gewalt in der türkisch-muslimischen Community” und religiös-extremistischen Terroranschlägen. Die dahinterstehende Assoziationskette ließe sich folgendermaßen umreißen:

  1. Gewalt in türkischen (gleichzusetzen mit muslimischen) Familien ist spezifisch und unterscheidet sich deshalb grundsätzlich von Gewalt in Familien anderer Nationalitäten/Religionen.
  2. Diese Gewalt hat also ihre Ursache in der Nationalität/Religion.
  3. Die Täter des elften Septembers waren auch Muslime, die Gewalt ausübten.
  4. Wir haben es hier mit zwei Konstanten zu tun: Islam und Gewalt, also schließen wir “Islam gleich Gewalt” und am bequemsten auch gleich umgekehrt.

Frau Ates erzählt im Interview, wie sie Frau Dorn in Vorbereitung auf das Thema öfter auf Feste in der “türkischen Community” mitgenommen habe. Frau Dorn ist in diesem Zusammenhang um eine Erkenntnis reicher geworden:

Bei vielen dieser Veranstaltungen war ich unter 300 Leuten die einzige ohne Migrationshintergrund. Lustig, wenn ich dann am nächsten Tag wieder mal in der “taz” las, es gäbe keine Parallelgesellschaften.

Lustig finde ich, dass sie zu dieser Erkenntnis erst auf einer türkischen Hochzeit kommt. Ich fand z.B. schon auf meiner Abitur-Ehrung komisch, dass sich dort niemand mit Migrationshintergrund wieder fand, obwohl meine Heimatstadt einen hohen Ausländeranteil aufweist.

Frau Dorn legt eine erschreckende Unkenntnis über das Funktionieren von Stigmatisierungen und Rassimus an den Tag, wenn sie im Welt-Interview folgendes Statement von sich gibt:

Wir halten ja auch nicht alle Gärtner für Mörder, nur weil sie uns in zig Krimis als solche gezeigt wurden

Im Falle des Gärtners ist es ja nie das Gärtnersein, das ihn zum Mörder macht. Im Falle von so genannten Ehrenmorden wird aber in der öffentlichen Debatte – und ich vermute auch in diesem Krimi – das Türkischsein bzw. Muslimsein als Ursache für eine Neigung zum Mord an Familienmitgliedern festgemacht. Traurig, dass man so etwas noch erklären muss.

Es gab schon ein paar Rezensionen zu dem Film. Im Cicero zeigt sich Josef Girshovich wenig begeistert von dem Film:

Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack. Dorn und Ateş geben sich Müde, die Krise junger Frauen mit Migrationshintergrund zu erfassen. Dabei geht es um mehr als bloße Kritik an traditioneller Lebensweise, an Zwangsehen, an unterwürfigen Frauen. Diesmal wird der Islam als solcher angegriffen. Schaut her, will uns “Familienaufstellung” zeigen, es ist die Ideologie des Islam, die selbst junge Frauen in den Abgrund treiben kann. Ist der Islam tatsächlich “zurückgeblieben”? Irgendwie wird man da das Gefühl nicht los, es gehe in “Familienaufstellung” um eine persönliche Abrechnung mit dem Islam, statt um einen kritischen Dialog mit einer großen monotheistischen Religion.

Im Kölner Stadtanzeiger geht Tilmann P. Gangloff auf Handlung und Botschaften des Films ein:

Auch unter Designer-Kopftüchern, so die streitbare Anwältin Ilhan kann sich fundamentalistisches Gedankengut verbergen.

Eine für viele schwer zu verdauende Wahrheit ist allerdings, dass sich fundamentalistisches ((Mal davon abgesehen, handelt es sich bei der Rechtfertigung von Mord bzw. der Haltung Mord sei eine Lösung für familiäre Probleme, nicht um eine fundamentalistische religiöse Einstellung, sondern um ein tradiertes Verhaltensmuster.)) Gedankengut auch unter einer schicken Kurzhaarfrisur “verbergen” kann. Auch eine weitere Wahrheit möchte ich nicht unerwähnt lassen (sie ist nicht neu): Solch Gedankengut lässt sich überhaupt nicht am Aussehen festmachen, auch wenn Frau Ates uns das immer wieder gerne weiß machen möchte.

Ernsthaft gegen Zwangsheiraten

Vor kurzem gab es auf dem britischen Sender BBC einen Dokumentarfilm über Zwangsverheiratungen britischer Staatsbürgerinnen mit pakistanischem Ursprung zu sehen. Die Dokumentation ist sehenswert: einmal weil sie die erschreckenden Ausmaße anhand aktueller Beispiele vor Augen führt; aber auch weil hier gezeigt wird, wie von staatlicher Seite gegen so ein “Phänomen” erfolgreich vorgegangen werden kann.

In Großbritannien mehren sich die Fälle von Zwangsverheiratungen in den letzten Jahren. Die britische Regierung hat deswegen eine Spezialeinheit zusammen gestellt, die selbst in Pakistan noch tätig werden kann und dort Mädchen und Frauen aus bedrohlichen Situationen befreit. Diese Spezialeinheit wird tätig, wenn sie eine Nachricht über eine bevorstehenden oder bereits vollzogene Eheschließung unter Zwang erhält. Die Einheit arbeitet in Pakistan mit der dort ansässigen Polizei zusammen, die den Mitarbeitern und den Mädchen und Frauen Schutz gewähren, während versucht wird, die Situation mit der Familie zu klären. Im Film werden verschiedenen Lösungsmöglichkeiten gezeigt, aber immer wird versucht, den direkten Kontakt zu dem Mädchen herzustellen. Dies erweist sich oft als schwierig, da es von der Familie versteckt gehalten wird. Gelingt der Kontakt, wird dem Mädchen angeboten, sofort im Schutze der Spezialeinheit zurück nach Großbritannien zurück zu kehren. Gelingt der Kontakt nicht werden die Eltern oder involvierte Verwandte von dem in Pakistan zuständigen Gericht immer wieder dazu aufgefordert, mit dem Mädchen vorstellig zu werden.

Die Spezialeinheit besteht zu einem großen Teil aus Briten pakistanischer Abstammung, die sich sehr gut mit den kulturellen und administrativen Gegebenheiten in Pakistan auskennen. Es gibt zudem ein Schutzhaus, in dem die Frauen erst einmal unterkommen können, psychologische Beratung und unkomplizierte Hilfe bei der Erstellung neuer Reisedokumente, da die Reisepässe oft von der Familie versteckt werden.

Die Dokumentation ist vor dem Hintergrund der deutschen Diskussion auch besonders interessant, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland ein ähnlich gelagertes Problem mit Zwangsverheiratungen gibt. Wenn man dann allerdings die Maßnahmen, die der Deutsche Staat ergreift ((Hebung des Zuzugsalters neuer Ehepartner auf 21 Jahre und Deutschtests vor der Einreise.)) mit denen des britischen Staates vergleicht, dann fragt man sich wirklich, ob es dabei ernsthaft um die Bekämpfung von Zwangsehen geht, oder nicht vielmehr um einen willkommenen Vorwand unliebsame Einwanderer los zu werden.

Wie man in der Dokumentation gut sehen kann, ist es für eine Rettung der Mädchen und Frauen eine Zusammenarbeit staatlicher Stellen unerlässlich. Nur so können Gesetze – auch in der Türkei ist Zwangsheirat verboten – auch wirklich in die Praxis umgesetzt werden. Es ist ein Trauerspiel, dass wirkliche Hilfestellung für Betroffene von Zwangsheiraten in Deutschland meist nur von ehrenamtlichen Vereinen erfolgt, die zudem noch nicht einmal staatlich gefördert werden, sondern auf Spendengelder angewiesen sind.

Die Dokumentation kann man hier in 6 zehnminütigen Teilen ansehen:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

„Haben wir noch alle Tassen im Schrank??“

Von Nina Mühe

Das fragt sich Rita Breuer, Buchautorin, Islamwissenschaftlerin und Autorin für Broschüren des Bundesministeriums des Inneren, in einem Artikel der aktuellen EMMA ((EMMA Nr. 6 (287) Nov/Dez 2008 S. 52ff; Alle nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Artikel.)) und meint dabei deutsche Frauen, die den Islam angenommen haben.
Es geht der Autorin aber keineswegs allein um Konvertitinnen-Schelte, vielmehr redet sie in ihrem Artikel einer längst überfälligen Klarheit in der Kritik von Muslimen und dem Islam im allgemeinen das Wort, welche ihre Kollegen in der Wissenschaft vermissen ließen, welche statt dessen ihre Augen vor der Realität verschließen würden. Mittels einer doch für eine Wissenschaftlerin und Referatsleiterin des Bundesverfassungsschutzes eher unwissenschaftlichen Polemik, vermengt die Autorin alle schlagzeilenträchtigen Themen vom Kopftuchzwang für Jugendliche durch islamistische Organisationen bis zur prekäre(n) Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt ungeachtet einer näheren Erläuterung konkreter Zusammenhänge und ohne jegliche Quellenverweise, die ihre Aussagen belegen könnten.
Der Aufhänger ihres Artikels ist das Wort „Islamophobie“, welches sie zum Unwort des Jahres 2008 gekürt sehen möchte, weil sie darin lediglich den Versuch sieht, kritische Stimmen zum Islam zum Schweigen zu bringen. Jene Islam-Kritik, möchte sie jedoch klar von tumber Islam-Feindlichkeit unterschieden wissen, mit der wir wohl alle nichts zu tun haben wollen und schließt an diese Einleitung und die Betonung ihrer Honorität durch den Verweis auf ein Vierteljahrhundert der Arbeit als Islamwissenschaftlerin, eine bloße Aneinanderreihung islamfeindlicher und zutiefst unwissenschaftlicher Argumentationen.
So postuliert Frau Breuer beispielsweise,

dass Kinder und Jugendliche im konservativ-islamischen Milieu systematisch zur Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft erzogen werden und von Wahlfreiheit für oder gegen das Kopftuch keine Rede sein kann.

Einen Beleg oder Verweis auf irgendwelche wissenschaftlich relevanten Quellen ((Für eine – unvollständige – Sammlung von wissenschaftlichen Studien zum Kopftuch muslimischer Frauen siehe den Blogeintrag Kopftuchstudien vom 23. Nov. sowie den Artikel Mit Kopftuch – zu Recht? – außen vor? im Bereich “Medienanalyse” auf nafisa.de)) bleibt sie schuldig, und der Leser muss sich mit dem Hinweis auf ihre langjährige Arbeit als Islamwissenschaftlerin begnügen.
Die postulierte Tatsache, dass man (islamische Verbände? Die Muslime?)

der deutschen Gesellschaft mit massiven Forderungen und hohem missionarischen Anspruch gegenübertritt

wird ohne weitere Erläuterung in direkten Zusammenhang mit der prekären Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt gestellt. Nicht nur spricht die Autorin von der deutschen Gesellschaft, der die fordernden Subjekte gegenüber stehen, nicht etwa Teil derselben wären, sondern implizit lehnt sie die massiven Forderungen (Ob es sich hier um repräsentative Moscheen, Lehrerinnen mit Kopftuch oder etwas anderes handelt kann man nur mutmaßen) ab, solange es eine ungerechte Behandlung von religiösen Minderheiten in der islamischen Welt gibt. Das Einfordern von Grundrechten in diesem Staat wird also nicht nur von der eigenen (wie auch immer definierten) Integration der Muslime in diesem Land abhängig gemacht – was an sich schon eine Ungleichbehandlung verschiedener Individuen vor dem Recht bedeuten würde – sondern von den Minderheitenrechten in der, ebenfalls nicht definierten islamischen Welt, also in Ländern, von denen einige wohl eher mit diktatorischen denn demokratischen Mitteln regiert werden.

Die Autorin bedient sich gerne der verschiedensten Stereotype, um ihre Argumente zu verbildlichen. So erzählt sie von einer Konferenzteilnehmerin als einer äußerst westlich auftretender Juristin mit afghanischen Wurzeln, was schon den Widerspruch zu reflektieren scheint, dass diese Juristin von demokratischen Grundsätzen in der afghanischen Verfassung spricht und gleichzeitig sagt, dass diese unter dem Vorbehalt des islamischen Rechts, der Scharia stehen würden. Frau Breuer bescheinigt der Referentin daraufhin eine gänzliche Unkenntnis der Scharia, sowie auch die Zuhörerinnen und einige andere Podiumsteilnehmer vom Thema „Islam in Deutschland“ keinerlei Ahnung zu haben scheinen.
Die eigene Essentialisierung jedoch scheint ihr nicht aufzufallen, und so hält sie ein flammendes Plädoyer für die Ablehnung des Begriffs „Islamophobie“, den sie als Taktik einer undifferenzierten pro-islamischen Lobby begreift, und der den – ohnehin nur zum schachmatt Setzen verwendeten – Begriff des Rassismus abgelöst habe.

Und so fährt sie mit den Festschreibungen fort, denen das Gegenüber auf keinem Weg entrinnen kann, indem sie bildreich eine neue Generation deutscher Konvertitinnen beschreibt, die es vorziehe, in der Öffentlichkeit keinen islamischen Namen zu tragen. Dass diese Frauen ihn im Privaten, also heimlich, tragen wird hier indirekt unterstellt, und folgerichtig wird der Verzicht auf die Namensänderung auch nicht als ein integratives Bemühen oder schlichte Normalität gewertet, sondern die völlige Normalität von Islam-Zugehörigkeit Deutscher solle hier lediglich suggeriert werden, oder es handele sich um ein Mittel zum Zweck, um die strategische Position im Islam-Diskurs zu verbessern. So oder so hat das Gegenüber keine Chance sich außerhalb des Misstrauensdiskurses und der unterstellten Täuschung zu positionieren.

Die Essentialisierung der hier lebenden Menschen mit muslimischem Glauben oder muslimischem kulturellem Hintergrund als „die Muslime“, die in ihrer undifferenzierten Masse nicht nur für alle Probleme „der Muslime“ in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt zur Verantwortung gezogen werden sollen, bevor man in Deutschland ernsthaft über gleichberechtigte Integration sprechen kann, ist von einigen polemischen Medien- wie Politikvertretern weithin bekannt. Ebenso der Täuschungsvorwurf, der jegliches positive Bemühen, sich in die Gesellschaft einzubringen, für nichtig erklärt, weil man ja nie wisse, was sich wirklich dahinter verberge. Dass aber eine erklärte Wissenschaftlerin, die gleichzeitig als Beraterin für das Bundesministerium des Inneren sowie den Bundesverfassungsschutz fungiert, dieser Polemik in derartig offener und unverhohlener Weise verfällt, stimmt doch sehr nachdenklich.

Zwangsheirat a la francaise

Vor einigen Monaten machte eine Meldung aus Frankreich die Runde: “Französische Gericht annulliert Ehe weil Frau keine Jungfrau mehr ist”.

Was war passiert?

Den Nachrichten war zu entnehmen, dass ein junges muslimisches Paar aus Nordfrankreich geheiratet hatte und die junge Braut dem Bräutigam in der Hochzeitsnacht gestand, nicht mehr – wie im Vorfeld angenommen – Jungfrau zu sein:

Der Ehemann sah sich von seiner Frau in einer “wesentlichen Eigenschaft” getäuscht, weil sie ihm vor der Hochzeit versichert hatte, noch Jungfrau zu sein.

Andere Berichte geben gruselige Details der Hochzeitsnacht wider:

In der Hochzeitsnacht stellte der Frischvermählte fest, dass seine Frau nicht mehr Jungfrau war – das auf dem Bett ausgebreitete Leintuch zeigte nämlich keine Blutspuren. Der Marokkaner informierte die noch anwesenden Hochzeitsgäste umgehend, dass ihn seine Gattin offenbar angelogen habe. (Quelle: dieStandard.at)

Der Bräutigam hatte noch in der Hochzeitsnacht entdeckt, dass seine rund zehn Jahre jüngere Frau keine Jungfrau mehr war. Wutentbrannt hatte er das Leintuch ohne die erwünschten Blutflecken der Hochzeitsgesellschaft präsentiert und seine Braut in ihre Familie zurückgeschickt. Die junge Frau gab zu, über ihre Jungfräulichkeit gelogen zu haben – und das Gericht annullierte die Ehe wegen dieser Lüge. (Quelle: swr.de)

Gruselig deswegen, weil a) der Ritus des blutbefleckten Bettlakens frauenverachtend und aufgrund seines Eingriffs in die intimste aller Sphären einer Frau zutiefst entwürdigend ist und b) die Öffentlichmachung der “Schmach” vor den Hochzeitsgästen eine Traumatisierung und Stigmatisierung der jungen Braut zur Folge hat.

Der Bräutigam beantragte also eine Annulierung der Ehe aufgrund “der Täuschung in einem wichtigen Wesenszug der Persönlichkeit der Ehefrau”. Das Gericht annullierte aufgrund dieser Begründung die Ehe, was auch dem Wunsch beider Ehepartner entsprach. Der Skandal war aber perfekt. Selbst die französische Justizministerin Rachida Dati, die der Annullierung anfangs noch zustimmte “weil sie die junge Frau schützt”, stellte den Schutz der Frau später hintenan, als es Kritik an dem Urteil hagelte. Ein neues Verfahren wurde angesetzt und nun hat ein Berufungsgericht die Annullierung aufgehoben.

Die vormaligen Beschwörer der islamischen Unterwanderung französischer Rechtstraditionen sind nun wieder ganz im Reinen mit der Justiz ihrer Republik:

In ersten Stellungnahmen von politischer Seite oder von Frauenrechtlerinnen hieß es, das Berufungsurteil wahre die republikanische Landestradition, wonach die BürgerInnen – also Frauen wie Männer – in gleichem Masse Anspruch auf ihre sexuelle Freiheit hätten.(Quelle: dieStandard.at)

Das Schicksal und das Recht der jungen Frau auf ein Verfahren in ihrem Sinne scheint völlig egal zu sein, mal ganz davon abgesehen, dass es bei diesem Verfahren mitnichten um den Anspruch auf sexuelle Freiheit ging ((Das ist bekanntermaßen nicht der einzige Grund aus dem eine Frau ihre Jungfräulichkeit verlieren kann.)), sondern um den Wunsch zweier Menschen eine “falsche” Entscheidung Rückgängig zu machen. Nun sind die beiden weiterhin verheiratet, ganz Frankreich kennt die Details ihrer Geschichte und müssen sich einem womöglich langwierigen Scheidungsverfahren unterziehen bevor wieder an ein “normales” Leben gedacht werden kann. Die junge Frau soll übrigens untergetaucht sein. Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die dieses ohnehin furchtbare Schicksal einer jungen Frau noch einmal missbraucht haben und dies politisch zu verantworten haben, das Rückgrat besitzen, ihr bei einem Neuanfang behilflich zu sein.