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Einträge der Kategorie Medienspiegel

Kommentierte Linksammlung 01/10

Burka, Burka und kein Ende

Nachdem in Frankreich vorerst kein Burkaverbot zustande kommt, in Italien über Burkaverbote nachdenkt, lassen auch deutsche Politiker sich nicht lumpen und fordern nun ein eben solches – im öffentlichen Dienst z.B., wo sich ja bekanntermaßen die Burkaträgerinnen nur so tummeln. Dass die Rufe nach einem Verbot von Burkaträgerinnen in Bussen, der Aufruf sie nicht mehr in Cafes zu bedienen, oder der Ausschluss dieser Frauen von Visa nicht grade angetan sind, Frauen zu befreien oder sie gar willkommen zu heißen erübrigt sich wohl von selbst – es scheint so manchen selbsterklärten Feministen nur zu entgehen. Interessant wäre auch zu erfahren, ob man auch weiterhin die gut zahlenden Patienten und Touristen aus den Golfstaaten dieser Behandlung zu unterziehen gedenkt…

Mit einer Engelsgeduld und einer bewundernswerten Ernsthaftigkeit erklärt Hilal Sezgin in einem Interview und einem Artikel warum solche Forderungen völliger Schwachsinn sind.

Die Burka ist übrigens gar keine Burka, sondern ein Chadri. So zumindest heißen die meist blauen Gewänder, die man von Bildern afghanischer Frauen kennt. Eine Burqa ist eine Art goldfarbene Gesichtsmaske, die traditionell von Frauen in den arabischen Emiraten getragen wird. Eine moderne Adaption der Burqa als Sonnenbrille haben zur Erhaltung dieser Tradition sich Designer aus den Emiraten überlegt.

Die Gesichtsverschleierung hat eine lange Geschichte im nahen und mittleren Osten, die sich hauptsächlich mit dem Islam in Verbindung bringen lässt. Schon Jahrhunderte vor unsere Zeitrechnung lassen sich griechische Gesichtsschleier belegen. Im nahen und mittleren Osten wurden oder werden Gesichtsschleier teils auch von Männern, armenischen Nonnen oder Jüdinnen getragen. Es gibt tatsächlich so etwas wie Textilhistoriker, die sich die Mühe machen, die Geschichte und Bedeutung eines solchen Bekleidungsstückes zu erforschen: “Covering the Moon” von Gillian Vogelsang-Eastwood und Willem Vogelsang ist eine reich bebilderte, ausführliche Arbeit zu diesem Thema.

Wie es sich mit einer Burka bekleidet lebt, wollte die französische Künstlerin Bérengère Lefranc wissen. Mit einem – bezeichnenderweise lilafarbenen – Ganzkörperkleid zog sie durch die Straßen von Paris. “Sie bezeichnet ihre Erfahrungen damit als “die Hölle”. Das lag neben den hohen Temperaturen vor allem an dem offenen Hass der ihr von Passanten begegnete – vor ihr wurde ausgespuckt, ihr wurde der eintritt in den Supermarkt verwehrt und es gab sogar Situationen in denen sie Todesangst hatte. Schönen dank auch an die selbst ernannten Frauenbefreier, das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.

Feminismus und muslimische Frauen

Birgit Rommelspacher hat mit ihrem Artikel über thematische Überschneidungen mancher Feministinnen mit dem Rassismus rechter Parteien eine hitzige Debatte ausgelöst.

Auch die österreichische Journalistin Ingrid Thurner kritisiert in ihrem Artikel “Das Kopftuch: der Stoff, aus dem Vorurteile sind” einen Feminismus, der die Muslimin als Opfer – und nur als das – braucht.

Gründungen

Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen hat seit ein paar Tagen eine eigene Website, auf der Satzung, Ziele und Aufnahmeanträge eingesehen werden können. Eine weitere Gründung kommt aus Frankfurt daher: die Frankfurter Initiative progressiver Frauen, deren Mitglieder Vorbilder für Migrantinnen sein wollen. Mitglieder mit Kopftuch will man explizit nicht aufnehmen, da man “ausdrücklich dem in Deutschland vorherrschenden Klischee der Kopftuch tragenden, unterdrückten, ungebildeten und tief im Islam verwurzelten Migrantin entgegentreten” will, so Ezhar Cezairli. Nun, dieses Klischees ließen sich doch durch Frauen wie die Herzchriurgin Feyzan, die Rechtsanwältinnen Kadriye Aydin
und Marziya Özisli hervorragend widerlegen. Aber darum geht es der Initiative ganz offensichtlich nicht, denn mit einem solchen Ausschluss bestätigt man dieses Vorurteil ja nur.

Kommentierte Linksammlung 12/09

Über Nafisa und andere muslimische Initiativen:

Die taz brachte einen langen Artikel über nafisa und andere Bemühungen muslimischer Frauen, in der Gesellschaft Anerkennung und Gehör zu finden.

Die selbe Journalistin berichtete kurz darauf auch über die Neugründung des Aktionsbündnisses muslimischer Frauen, welches auch in einem Video-Interview der Islamischen Zeitung diskutiert wurde, sowie über interessante Initiativen einer muslimischen Jugendkultur.

Ein weiterer Artikel über die Vereinbarkeit von Islam und Geschlechtergerechtigkeit und was verschiedene muslimische Denkerinnen zu dem Thema sagen, erschien in der Freitag.

Kopftuchdebatten

Nach den jüngsten Forderungen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin nach einem Kopftuchverbot für Schülerinnen entspann sich eine erneute Debatte zu dem für und wider eines solchen Verbots, die wir hier nur examplarisch darstellen wollen.

Dass es für ein solches Verbot keine rechtliche Grundlage gebe, erklärte der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) dem Tagesspiegel.

Dass das Kopftuchargument immer stärker für allgemeine Ressentiments gegen den Islam herangezogen werde, erklärte Hilal Sezgin in der Süddeutschen Zeitung. Unter diesen Ressentiments haben dann in der Folge gerade muslimische Frauen mit Kopftuch zu leiden, wenn sie beispielsweise wegen ihrer religiösen Kleidung nicht eingestellt oder entlassen werden. Gegen solche Entlassungen gibt es allerdings seit einiger Zeit eine rechtliche Handhabe durch das AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), das von immer mehr Frauen, wie einer jungen Arzthelferin in Dortmund, auch genutzt wird.

Erfolgreiche muslimische Frauen

Die Kenianische Friedensaktivistin Dekha Ibrahim Abdi hat eine sehr erfolgreiche Konfliktvermittlungsmethode entwickelt, die sie anfangs zwischen Christen und Muslimen in ihrem Land anwendete und mittlerweile zu Konfliktparteien in vielen verschiedenen Ländern exportiert. Sie ist die erste Frau aus dem subsaharischen Afrika und zweite Person muslimischen Glaubens, die den Hessischen Friedenspreis erhält.

Eine erfolgreiche muslimische Geschäftsfrau wurde auf spiegel online vorgestellt. Zwar lebt sie nicht in Deutschland, sondern im Oman, erschien uns aber trotzdem als ein interessanter Beitrag, da diese Porträts in den Medien ja noch nicht gerade an der Tagesordnung sind.

Gewalt und Diskriminierung

Die Studie einer Volkskundlerin zu „Ehrenmorden aus kulturanthropologischer Perspektive“ hat ergeben, dass die Zahl der tatsächlichen Ehrenmorde viel niedriger ist als bisher angenommen. Eine Ursache für die falschen Einschätzungen liegt laut der Wissenschaftlerin Anne Caroline Cöster darin, dass Hintergrundinformationen zu den tatsächlichen Fällen oft schwer zugänglich sind.

Der Journalist Kai Sokolowsky analysierte noch einmal den Mord an Marwa El Sherbini bzw. das mangelnde Problembewusstsein der Medien zu islamfeindlichen Einstellungen und Ressentiments in der Gesellschaft in den Medien, welches an der Berichterstattung über den Mord und die Verurteilung des Mörders deutlich geworden sei.

Ein weiteres trauriges Thema, das muslimische Frauen betrifft, ist der aktuelle Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftforums, der laut qantara.de feststellte, dass Frauen in der Türkei in punkto Gleichberechtigung auf Platz 129 von 134 landeten.

Konvertitinnen

Zum Jahresabschluss berichtete der Tagesspiegel über drei Frauen aus Berlin, die zum Islam konvertierten. Leider enthält der Artikel nicht viel neue Blickwinkel oder Erkenntnisse, sondern hat vielmehr eine für Artikel über Musliminnen recht übliche voyeuristische Tendenz und lässt die Position einer halb belächelnden, halb abgestoßenen Beobachterin an einigen Stellen relativ unverhohlen durchscheinen.

Minarettverbot in der Schweiz

Wer noch nicht genug zum Minarettverbot in der Schweiz gelesen hat und zudem gut englisch liest, kann sich hier nochmal detaillierte Hintergrundinformationen holen.

Ein sehr interessanter Artikel von unserem ehemaligen Bundeskanzler zu diesem Thema und der Sicht auf Muslime im allgemeinen ist in der Zeit erschienen, und an anderer Stelle erklärten Feministinnen ihre Positionen gegen Burka- und Minarettverbote – welche sich ja beide zumindest in der öffentlichen Darstellung der Debatte auch stark auf die Stellung der Frau im Islam und ihre vermeintliche Unterdrückung beziehen.

Kommentierte Linksammlung 11/09

Die guten Nachrichten zuerst:

Kein Kopftuchverbot in Rheinland-Pfälzer Schulen
Die CDU scheitert zum zweiten Mal mit einem Gesetzesentwurf

Das Muslimische Seelsorgetelefon erhält den Berliner Präventionspreis 2009. Hier ein Bericht über die Arbeit des Seelsorgetelefons in der Süddeutschen.

Preis für marokkanische Frauenorgansiation
Die Leiterin der Frauenorganisation Solidarité Féminine, Aicha Chenna, hat den mit einer Million Dollar dotierten Opus Prize erhalten. Ein interessanter Bericht über die Arbeit der Organisation in Marokko, die sich vor allem um junge ledige Mütter kümmert. Diese sind häufig Opfer einer Doppelmoral der Gesellschaft: “Die unverheirateten Mütter sind oft die jüngsten Töchter armer Familien vom Land. Sie werden mit sieben, acht Jahren von ihren Familien als Dienstmädchen in Haushalte in der Stadt verkauft”, erklärt Chenna.

Juristin gegen Zwangsheirat
Die Juristin Filiz Sütcü berät und vertritt zwangsverheiratete Frauen. Im Unterschied zu viele anderen, die über Zwangsheirat sprechen, macht sie deutlich, dass die Ursachen nicht in der Religion, sondern in bestimmten über Generationen weitergegebenen Traditionen liegen: “Das war bei uns schon immer so!”

Prozess und Urteil zum Mord an Marwa el-Sherbini

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Ganz offenbar waren einige Medien erleichtert, im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Mörder von Marwa al-Sherbini endlich wieder über Muslime als Täter berichten zu können: Der Mordaufruf eines Scheichs veranlasste zu kostspieligen Sicherheitsmaßnahmen. Nur – kein Mensch kennt den Scheich…

Mit dem Widerspruch, dass die Drohungen des späteren Mörders Alex W. unbeachtet blieben, der Aufruf eines unbedeutenden Dorfscheichs aus der ägyptischen Provinz aber zum Anlass für massive Sicherheitsvorkehrungen wird, beschäftigt sich Esther Saoub, ARD Studio Kairo.

Das Urteil ist gesprochen – doch der Hass bleibt
Maryam Dagmar Schatz berichtet über die Aktivitäten islamfeindlicher Webseiten und deren “Ortsgruppen” und macht deutlich, dass der Kampf gegen Islamfeindlichkeit mit dem Urteil gegen den Mörder von Marwa el-Sherbiniy gerade erst begonnen hat.

Rassismus/Islamfeindlichkeit

Eine Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Europa zeigt: Die Zustimmung zu islamfeindlichen Einstellungen ist in allen europäischen Ländern hoch. Ursachen sind nach Ansicht der Wissenschaftler autoritäre Einstellungen, ein subjektives Gefühl der Bedrohung durch Fremde und die Zurückweisung von kultureller Unterschiedlichkeit.

Interview mit Kay Sokolowsky: Rassismus im Gewand der Islamkritik
Sokolowsky über sein Buch “Feindbild Moslem”: “Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt.” Die Wachsende Islamfeindlichkeit habe längst gesellschaftliche Folgen.

Alltagsrassismus: Berichte von Potsdamer MigrantInnen über ihre Erfahrungen im Alltag – wie Pöbeleien auf der Straße, Diskriminierung in der Schule

Meldungen über Übergriffe:
Eine 13-jährige Türkin wurde in der S-Bahn angepöbelt – Fahrgäste griffen ein.
Eine muslimische Studentin wurde in Göttingen wegen ihres Kopftuchs von vier Männern angegriffen, geschlagen und getreten. In diesem Fall griff niemand ein.

Islam in den Medien

Ein bereits etwas älterer Link, der aber an Aktualität nicht verloren hat: Aufzeichnung eines Vortrags von Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, über die Darstellung des Islams in den Medien.

Integration und Dialog

Navid Kermani richtet sich gegen die Konstruktion eines “Wir”, das andere ausschließt: “‘Wir’ müssen den Dialog mit den Muslimen führen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet das für etwa drei Millionen Menschen in Deutschland, dass sie den Dialog mit sich selbst führen müssten.”

Ein gerechtes Urteil – und doch bleiben Fragen

Alle haben alles richtig gemacht – und doch ist zuletzt ein Mensch tot.

So endete ein Artikel bei Zeit online über den Prozess und die Urteilsverkündung im Mordfall von Marwa El-Sherbini am 11. November. Die deutsche, wie auch die ägyptische Presse waren zurecht voll des Lobes für den gerechten Urteilsspruch der deutschen Justiz, der – wenn er auch das Leid nicht mildern konnte – zumindest die Schwere der Tat herausstellte und entsprechend ahndete. Und tatsächlich hatten sich sehr viele Menschen in dem ganzen Verlauf des Falles offensichtlich sehr gut und gerecht verhalten, angefangen von den Umstehenden auf dem Spielplatz, auf dem Marwa und ihr kleiner Sohn von dem späteren Mörder beleidigt worden waren – sie redeten auf den Beleidiger ein und unterstützten die Beleidigte in dem Bestreben, sich zu wehren, indem sie ihr Handy zur Verfügung stellten um die Polizei zu rufen – über die Polizisten, die den Fall nicht verharmlosten – wie es Opfer in anderen Fällen immer wieder beklagen – sondern ihn aufnahmen und verfolgten, bis zum Gericht, das angesichts der fehlenden Einsicht des Beklagten, immer höhere Geldstrafen verhängte, und ebenfalls die Schwere seiner Beleidigungen und deren gefährlich-hasserfüllten Hintergrund herausstellte.

Aber dennoch bleibt ein eigenartiger Geschmack, angesichts einer scheinbar völligen Abwesenheit von Selbstkritik eines Gerichts, in dem es einem auffälligen jungen Mann, der schon schriftliche Drohgebärden an eben dieses Gericht gesandt hatte und, der schon in der ersten Verhandlung seine potentielle Gewaltbereitschaft zur Schau gestellt hatte, möglich gewesen war, ein langes Küchenmesser im Rucksack in den Gerichtssaal zu bringen und – unbehelligt durch jegliche Wachleute – 16 mal damit vor aller Augen auf sein wehrloses Opfer einzustechen. Gegen den Richter sowie gegen den Polizisten, der irrtümlich den Mann des Opfers anschoss und nicht den Täter, laufen längst Verfahren, in denen sie sich für ihre Entscheidungen verantworten müssen, aber das Gericht lässt auch hier keinerlei Selbstkritik aufkommen, wie eine Prozessbeobachterin in Dresden berichtet. ((Eine befreundete Anti-Diskriminierungs-Aktivistin war für die Urteilsverkündung nach Dresden gefahren, hatte von der zweistündigen Urteilsbegründung detailliert berichtet und damit Anlass für diesen Kommentar gegeben.))

Schon vor dem Verfahren in der ersten Instanz hatte dem Gericht ein Schreiben des späteren Mörders vorgelegen, in dem er seinen Hass nochmals schriftlich zum Ausdruck brachte und u.a. äußerte, niemand könne von ihm erwarten, ’seine Feinde in seiner Nähe zu dulden’ und das Kopftuch hätte ihn und Deutschland als ‘Zeichen der Unterwerfung unter den Satangott’ beleidigt. Auch schon ganz zu Beginn der Begegnung mit Marwa und ihrem Sohn auf dem Spielplatz hatte er beide wohl schon indirekt bedroht, indem er Marwa und ihr Kind als potentielle Terroristen bezeichnete und drohte, wenn ihr Kind schaukele, schaukele es bis zum Tod ((Auf der Internetseite des Zentralrats der Muslime wird das Zitat anders wiedergegeben: “Das Kind darf nicht mehr hier auf dem Spielplatz spielen – wenn es doch kommt, werde ich bis zu seinem Tode hier schaukeln.”, was aber ebenfalls als Drohung verstanden werde kann.)) . Und schließlich hatte er bei seiner ersten Vernehmung ausgesagt: “Wenn ich Waffen oder Sprengstoff gehabt hätte, hätte ich die mit hierher gebracht” ((http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/1068421/)). Die zuständige Amtsrichterin für das erste Verfahren hatte bereits erwogen Wachschutz einzubestellen, sich aber dagegen entschlossen, weil der Angeklagte nicht gefährlich gewirkt hätte. ((http://www.zeit.de/2009/47/Prozess-Dresden)) Man ließ sich also durch den völlig subjektiven persönlichen Eindruck, den der Angeklagte auf die Entscheidungsträger machte, von einer bereits vorhandenen Befürchtung für die Sicherheit der Zeugin abbringen. Ein menschliches Versagen, wie es vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, dessen Rechtfertigung durch das Gericht allerdings nicht zu der ansonsten doch gewissenhaften und gründlichen Aufklärungsarbeit der Richterin bei diesem Prozess passen mag.

Auch die Frage, die aufkommen könnte, warum man nicht einfach vorsichtshalber – trotz des angeblich harmlosen Äußeren des Beklagten – Wachschutz in den Saal bestellt hätte, wird – wie eine Prozessbeobachterin ebenfalls erzählt – vom Gericht schon vorsorglich damit beantwortet, dass dieses Gericht eben Volksnähe vermitteln wolle.
Auch hier wird ein vielleicht nachvollziehbarer menschlicher Fehler erst durch die Rechtfertigung des Gerichts zu einer unangemessenen und unentschuldbaren Verharmlosung des Beklagten und Gefährdung der Zeugin, verstärkt durch den gar nicht volksnahen Eindruck, den der immense Umbau des Gerichtsgebäudes sowie dessen 2,5-wöchige Abschottung und das kollossale Polizeiaufgebot zum Schutz des Täters beim Prozess hinterlassen.

Und schließlich ist da der Polizist, der das Opfer anschoss, nicht den Täter, und den sicherlich auch keine besondere individuelle rassistische Einstellung zu dieser fatalen Wahl führte. Aber auch sein Handeln wird von der Richterin gerechtfertigt mit der Aussage, er hätte nur auf das Bein geschossen, das ihm am nächsten gewesen sei, und das obwohl das diesbezügliche Verfahren noch nicht beendet ist.
Sicherlich musste der unerwartet zu einem solchen Horrorszenario herbeigerufene Polizist sich innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden, auf wen er schoss, aber die Tatsache, dass es eben der Ägypter, nicht der Russlanddeutsche war, für den er sich entschied, kann nicht einfach mit dem Argument beiseite gewischt werden, auch der Täter hätte kein typisch deutsches Aussehen gehabt – er sei ja Russlanddeutscher – und deshalb könne Rassismus hier nicht zu der Fehlentscheidung beigetragen haben und schon gar nicht ausschließlich mit dem Argument, das eine Bein sei eben näher gewesen als das andere.

Der Rassismus und die Islamfeindlichkeit sind hier sicherlich nicht den Individuen anzulasten, die tatsächlich wohl zum größten Teil sehr vorbildhaft gehandelt haben, aber er sollte sehr wohl als gesellschaftliche Kraft stärker unter die Lupe genommen werden, und zwar nicht nur in ihrer absoluten Extremform im Fall von Alex W., sondern gerade in den – manchmal kaum merklichen – Einflüssen, die unsere Verhaltensmuster durchziehen und mitbestimmen.

Dann würde einem vielleicht doch auffallen, dass der Polizist – zu dessen beruflichem Alltag es gehört, Menschen aufgrund einer spezifischen Gruppenzugehörigkeit stärker zu verdächtigen als Andere – sich in dem Moment, in dem er nicht mehr überlegen konnte, möglicherweise nicht zufällig für den Ägypter als vermeintlichen Täter entschied.
Und es würde einem vielleicht auch auffallen, dass alle Beteiligten des Berufungsverfahrens den Angeklagten, trotz dessen gegenteiliger mündlicher und schriftlicher Äußerungen für harmlos hielten – weil er so ein ‘weiches Kindergesicht’ hatte – während das gesamte Gerichtsgebäude für sicherheitstechnische Maßnahmen umgebaut wurde, weil ein ägyptischer Dorfimam, den niemand kennt und niemand außer einigen deutschen Medien beachtet, zur Ermordung des Angeklagten aufgerufen hatte.

Das gerechte Urteil, das alle mit Erleichterung aufnahmen, hätte durch ein wenig Selbstkritik noch sehr viel tiefgreifender bezüglich der Ursachen für dezidiert islamophobe Attacken wie diese wirken können, weil dann möglicherweise – zusätzlich zu der Beteuerung der Gerechtigkeit der deutschen Justiz – auch ein Fokus auf die leider in diesem Land schon sehr weit verbreiteten islamfeindlichen Einstellungen und deren mögliche Ursachen geworfen worden wäre.

Kommentierte Linksammlung 10/09

  • Der Prozess um den Mord an Marwa el-Sherbiny hat Anfang dieser Woche begonnen. Eine Zusammenfassung des bisherigen Verlauf gibt es auf Musafira.de.
  • Eine Studie der Evangelischen Hochschule Freiburg kommt zu dem Ergebnis, dass Abtreibungen bei Fraun mit Migrationshintergund häufiger vorkommen, als bei “deutschen” Frauen. Während bei deutschen Frauen die Abbruchquote rund acht Prozent betrage, liege diese bei Frauen türkischer Herkunft bei 19 Prozent und bei Frauen osteuropäischer Herkunft bei 31 Prozent.
  • Die Initiative European Muslim Women of Influence 2010 ruft dazu auf, erfolgreiche muslimische Frauen mit Vorbildfunktion aus Europa zu nominieren.
  • In Österreich haben zwei Jugendliche bei einem Schulausflug das Kopftuch einer muslimischen Schulkameradin angezündet.
  • Ein Architekturbüro lehnt eine Kopftuch tragende Bewerberin ab - wegen “islamistischer Einstellung”. Nach unseren Informationen ist das für Ende Oktober angesetzte Verfahren mittlerweile zugunsten der Klägerin entschieden worden.
  • Hülya Dogan vom Bündnis für Frieden und Fairness (BFF) ist in das Bonner Kommunalparlament gewählt worden.

Kommentierte Linksammlung 08/09

  • Einen schönen Artikel über den beginnenden Ramadan schrieb Alke Wirth in der taz und interviewte u.a. Silvia dazu, was der Ramadan für sie bedeutet.
  • Das saudische Dilemma: Um Frauen den Einzug in ehemals männlich dominierte Bereiche zu ermöglichen, wird zunehmend auf Geschlechtertrennung gesetzt, welche aber wiederum eine wirkliche Gleichstellung von Frauen in vielen Bereichen verhindert.
  • Frei wie ein Vogel fühlt sich die 17-jährige Sümmeye Engin bei ihren Flugstunden im Segelflugzeug. Die Muslima mit Kopftuch ist eine von 30 Schülerinnen, die den Fluglehrgang absolvieren.
  • Die Architektin Sükran Altunkaynak zog es vor, statt als Architektin in der Türkei, als Quartiersmanagerin in einem Berliner Problemkiez zu arbeiten und mit Gesundheits- und Bildungsprojekten vielen Kindern und Jugendlichen in der Nachbraschaft dort zu helfen, wo es Not tut und ihnen damit bessere Zukunftschancen zu ermöglichen.
  • Weit weniger Partizipation wird der Basketballspielerin Sura El-Shawk zugestanden, die sich jetzt nach dem Willen des Deutschschweizer Basketballverbandes Probasket zwischen ihrem Kopftuch und dem Basketballspiel entscheiden soll.
  • Ein großes Interesse an den modischen Entwicklungen der Hijabis in Kairo zeigt die Ethnologin Friederike Köppe, die in einem Interview auf zeit online die verschiedenen ‚Cairo Looks’ soziologisch erklärt.http://www.epd.de/bayern/bayern_index_67781.html
  • Mangels Zeit im Ramadan, können wir für September leider nicht so viel bieten, außer einem Hinweis auf die Demo gegen Islamfeindlichkeit in Berlin, zu der wir Euch dringend aufrufen möchten zu kommen, und ein gesamtgesellschaftliches Zeichen gegen diese menschverachtende Hetze zu setzen!

Rezension zu “Burka” von Eva Schwingenheuer

Silvia und ich haben eine Rezension zu den satirischen Karikaturen von Eva Schwingenheuer geschrieben. Viel Spaß beim Lesen!

Kommentierte Linksammlung 07/09

  • Die guten Nachrichten zuerst: Mahinur Özdemir, die erste Politikerin mit Kopftuch in der EU, legt ihren Amtseid ab und wird mit standing ovations im EU-Parlament begrüßt.
  • Die Ägypterin Dr. Nadia El-Awady wurde zur Vorsitzenden des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten ernannt, der offenbar lieber auf Qualifikationen als auf ein Kopftuch achtet.
  • Und noch eine ägyptische Journalistin war erfolgreich: Ethar Kamal El-Katatney hat den CNN’s MultiChoice African Journalist Award für ihren Artikel “The Business of Islam” gewonnen.
  • Einige Wochen nach dem Mord an Marwa el-Sherbini wird das Problem der Islamfeindlichkeit in Deutschland etwas breiter diskutiert. Hier ein Debattenbeitrag von Hilal Sezgin in der taz: Das reine deutsche Gewissen. Zu den Versäumnissen von Politik und Medien findet sich ein lesenswerter Beitrag in der World Socialist Web Site, der auch die Frage stellt, was gewesen wäre, wenn…
  • Interessant sind vor allem die Beiträge von Wissenschaftlern. Hier ein Interview (bereits vom 08.07.) mit der Berliner Forscherin Iman Attia – wieder in der taz, die sich dem Thema Islamfeindlichkeit unter den großen Tageszeitungen bisher am intensivsten gewidmet hat.
  • Nochmal die taz: Diesmal im Interview mit Kübra Yücel, Studentin der Politikwissenschaft, Journalistin und Bloggerin über die Erfahrungen kopftuchtragender Frauen in Deutschland und den Umgang mit Islamophobie.
  • Lokale Solidaritätsbekundungen gab es auch außerhalb von Dresden: Erlanger Bürger setzten mit einem Schweigemarsch ein Zeichen gegen Rassismus und Islamfeindichkeit.
  • Am 15.7. wurde die tschetschenische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Natalya Estemirova entführt und ermordet. Sie war Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich mit Morden und Entführungen in Tschetschenien beschäftigt. Hier eine Ehrung von Human Rights Watch. Die Beisetzung mit Totengebet fand am Abend des darauffolgenden Tages statt.
  • Nach dem Aufenthaltsgesetz haben Ausländer beim Scheitern einer Ehe vor Ablauf von zwei Jahren dennoch Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, wenn es zur Vermeidung einer besonderen Härte erforderlich ist. In diesem Fall wollte ein Mann seine Frau seine Vorstellungen von einer muslimischen Ehefrau durch physischen und psychischen Druck aufzwingen, weshalb sich die Frau von ihm trennte. Schade nur, dass sie ihr Recht auf eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis erst von einem Gericht zugesprochen bekam und nicht gleich von den zuständigen Behörden erhielt.
  • Eine Idee aus Rotterdam wird in Neukölln umgesetzt: Stadtteilmütter, Migrantinnen aus den verschiedensten Herkunftsländern, werden geschult und engagieren sich u.a. in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Suchtvorbeugung. Eine davon: Djamila Boumekik, die wegen einer nicht anerkannten Ausbildung und ihres Kopftuchs keinen Platz im Berufsleben fand, kann nun ihre Fähigkeiten für andere einsetzen.
  • Die Universität Würzburg gab die Ergebnisse einer Studie zu türkischen Mädchen in Deutschland bekannt. Ein Ergebnis ist, dass die Mädchen selbstbewusster und integrierter sind, als bisher angenommen. So gaben 77 Prozent der befragten Mädchen an, dass sie sich beim Thema Traumberuf nicht von den Eltern reinreden lassen. Streit um die Berufswahl scheint es ohnehin selten zu geben. Nur jeweils zwölf Prozent der Mädchen und Jungen berichten, wegen dieses Themas sehr häufig mit den Eltern zu streiten.
  • Laut Aussagen der zuständigen Polizei rechtfertigte ein afghanischstämmiger Münchner den Mord an seiner Ex-Ehefrau mit dem Koran. Der Stellvertretende Staatsanwalt relativiert das Motiv: “Wobei Thiess die Grenzen zwischen ‘Ehre’ und ‘Eifersucht’ als fließend sieht. ‘Die Täter wollen ihre Tat oft mit hehren Motiven begründen. Dabei geht es meist um Eifersucht und darum, das Gesicht nicht zu verlieren.’” Sidigullah Fadai, Imam in Sendling, deutet die Begründung des Täters als Schutzbehauptung, die keinerlei Grundlage im Koran oder dem Vorbild des Propheten hätte.

Interview mit Silvia in der IZ

Silvia spricht in der IZ über ihren Weg zum Islam, ihr Studium, das Kopftuch als Symbol und Nafisa.de. Hier kann man das Interview lesen.

Film über arrangierte Ehen

Der Film “Arranged” handelt von der Freundschaft einer Jüdin und einer Muslimin und ihrem Weg in eine arrangierte Ehe. Mittlerweile kann man ihn auch auf Youtube sehen. Bei Kübra gibt es mehr zum Film und Ansichten zu arrangierten Ehen.


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