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„Haben wir noch alle Tassen im Schrank??“

Von Nina Mühe

Das fragt sich Rita Breuer, Buchautorin, Islamwissenschaftlerin und Autorin für Broschüren des Bundesministeriums des Inneren, in einem Artikel der aktuellen EMMA ((EMMA Nr. 6 (287) Nov/Dez 2008 S. 52ff; Alle nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Artikel.)) und meint dabei deutsche Frauen, die den Islam angenommen haben.
Es geht der Autorin aber keineswegs allein um Konvertitinnen-Schelte, vielmehr redet sie in ihrem Artikel einer längst überfälligen Klarheit in der Kritik von Muslimen und dem Islam im allgemeinen das Wort, welche ihre Kollegen in der Wissenschaft vermissen ließen, welche statt dessen ihre Augen vor der Realität verschließen würden. Mittels einer doch für eine Wissenschaftlerin und Referatsleiterin des Bundesverfassungsschutzes eher unwissenschaftlichen Polemik, vermengt die Autorin alle schlagzeilenträchtigen Themen vom Kopftuchzwang für Jugendliche durch islamistische Organisationen bis zur prekäre(n) Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt ungeachtet einer näheren Erläuterung konkreter Zusammenhänge und ohne jegliche Quellenverweise, die ihre Aussagen belegen könnten.
Der Aufhänger ihres Artikels ist das Wort „Islamophobie“, welches sie zum Unwort des Jahres 2008 gekürt sehen möchte, weil sie darin lediglich den Versuch sieht, kritische Stimmen zum Islam zum Schweigen zu bringen. Jene Islam-Kritik, möchte sie jedoch klar von tumber Islam-Feindlichkeit unterschieden wissen, mit der wir wohl alle nichts zu tun haben wollen und schließt an diese Einleitung und die Betonung ihrer Honorität durch den Verweis auf ein Vierteljahrhundert der Arbeit als Islamwissenschaftlerin, eine bloße Aneinanderreihung islamfeindlicher und zutiefst unwissenschaftlicher Argumentationen.
So postuliert Frau Breuer beispielsweise,

dass Kinder und Jugendliche im konservativ-islamischen Milieu systematisch zur Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft erzogen werden und von Wahlfreiheit für oder gegen das Kopftuch keine Rede sein kann.

Einen Beleg oder Verweis auf irgendwelche wissenschaftlich relevanten Quellen ((Für eine – unvollständige – Sammlung von wissenschaftlichen Studien zum Kopftuch muslimischer Frauen siehe den Blogeintrag Kopftuchstudien vom 23. Nov. sowie den Artikel Mit Kopftuch – zu Recht? – außen vor? im Bereich “Medienanalyse” auf nafisa.de)) bleibt sie schuldig, und der Leser muss sich mit dem Hinweis auf ihre langjährige Arbeit als Islamwissenschaftlerin begnügen.
Die postulierte Tatsache, dass man (islamische Verbände? Die Muslime?)

der deutschen Gesellschaft mit massiven Forderungen und hohem missionarischen Anspruch gegenübertritt

wird ohne weitere Erläuterung in direkten Zusammenhang mit der prekären Situation religiöser Minderheiten in der islamischen Welt gestellt. Nicht nur spricht die Autorin von der deutschen Gesellschaft, der die fordernden Subjekte gegenüber stehen, nicht etwa Teil derselben wären, sondern implizit lehnt sie die massiven Forderungen (Ob es sich hier um repräsentative Moscheen, Lehrerinnen mit Kopftuch oder etwas anderes handelt kann man nur mutmaßen) ab, solange es eine ungerechte Behandlung von religiösen Minderheiten in der islamischen Welt gibt. Das Einfordern von Grundrechten in diesem Staat wird also nicht nur von der eigenen (wie auch immer definierten) Integration der Muslime in diesem Land abhängig gemacht – was an sich schon eine Ungleichbehandlung verschiedener Individuen vor dem Recht bedeuten würde – sondern von den Minderheitenrechten in der, ebenfalls nicht definierten islamischen Welt, also in Ländern, von denen einige wohl eher mit diktatorischen denn demokratischen Mitteln regiert werden.

Die Autorin bedient sich gerne der verschiedensten Stereotype, um ihre Argumente zu verbildlichen. So erzählt sie von einer Konferenzteilnehmerin als einer äußerst westlich auftretender Juristin mit afghanischen Wurzeln, was schon den Widerspruch zu reflektieren scheint, dass diese Juristin von demokratischen Grundsätzen in der afghanischen Verfassung spricht und gleichzeitig sagt, dass diese unter dem Vorbehalt des islamischen Rechts, der Scharia stehen würden. Frau Breuer bescheinigt der Referentin daraufhin eine gänzliche Unkenntnis der Scharia, sowie auch die Zuhörerinnen und einige andere Podiumsteilnehmer vom Thema „Islam in Deutschland“ keinerlei Ahnung zu haben scheinen.
Die eigene Essentialisierung jedoch scheint ihr nicht aufzufallen, und so hält sie ein flammendes Plädoyer für die Ablehnung des Begriffs „Islamophobie“, den sie als Taktik einer undifferenzierten pro-islamischen Lobby begreift, und der den – ohnehin nur zum schachmatt Setzen verwendeten – Begriff des Rassismus abgelöst habe.

Und so fährt sie mit den Festschreibungen fort, denen das Gegenüber auf keinem Weg entrinnen kann, indem sie bildreich eine neue Generation deutscher Konvertitinnen beschreibt, die es vorziehe, in der Öffentlichkeit keinen islamischen Namen zu tragen. Dass diese Frauen ihn im Privaten, also heimlich, tragen wird hier indirekt unterstellt, und folgerichtig wird der Verzicht auf die Namensänderung auch nicht als ein integratives Bemühen oder schlichte Normalität gewertet, sondern die völlige Normalität von Islam-Zugehörigkeit Deutscher solle hier lediglich suggeriert werden, oder es handele sich um ein Mittel zum Zweck, um die strategische Position im Islam-Diskurs zu verbessern. So oder so hat das Gegenüber keine Chance sich außerhalb des Misstrauensdiskurses und der unterstellten Täuschung zu positionieren.

Die Essentialisierung der hier lebenden Menschen mit muslimischem Glauben oder muslimischem kulturellem Hintergrund als „die Muslime“, die in ihrer undifferenzierten Masse nicht nur für alle Probleme „der Muslime“ in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt zur Verantwortung gezogen werden sollen, bevor man in Deutschland ernsthaft über gleichberechtigte Integration sprechen kann, ist von einigen polemischen Medien- wie Politikvertretern weithin bekannt. Ebenso der Täuschungsvorwurf, der jegliches positive Bemühen, sich in die Gesellschaft einzubringen, für nichtig erklärt, weil man ja nie wisse, was sich wirklich dahinter verberge. Dass aber eine erklärte Wissenschaftlerin, die gleichzeitig als Beraterin für das Bundesministerium des Inneren sowie den Bundesverfassungsschutz fungiert, dieser Polemik in derartig offener und unverhohlener Weise verfällt, stimmt doch sehr nachdenklich.

Gewalt gegen Frauen kennt keine Kulturgrenzen

Unterschriftensammlung!

Violence against women and girls continues unabated in every continent, country and culture. It takes a devastating toll on women’s lives, on their families, and on society as a whole. Most societies prohibit such violence — yet the reality is that too often, it is covered up or tacitly condoned.

UN Secretary-General Ban Ki-Moon, 8 March 2007

“Gewalt gegen Frauen und Mädchen besteht unvermindert auf jedem Kontinent, in jedem Land und jeder Kultur. Sie fordert einen verheerenden Tribut vom Leben der Frauen, ihren Familien und von der Gesellschaft als Ganzem. Die meisten Gesellschaften verbieten solche Gewalt – in der Realität jedoch wird sie zu oft verdeckt oder stillschweigend geduldet.”
So äußerte sich der UN Generalsekretär Ban Ki-Moon am 8. März 2007 und startete am 25. Februar 2008 während der Sitzung der VN-Frauenrechtskommission in New York, eine mehrjährige Kampagne, um die Bemühungen gegen Gewalt an Frauen weltweit zu intensivieren.

Zum 25. November diesen Jahres soll Ban Ki-Moon eine Liste mit 1 Million Unterschriften gegen Gewalt an Frauen und Mädchen überreicht werden. Bis zum 24. November kann die Kampagne daher noch mit einer Online-Unterschrift bei www.saynotoviolence.org unterstützt werden.

Die Kampagne von Unifem richtet sich nicht nur gegen Gewalt an Frauen in nicht-europäischen Ländern und Traditionen, wie etwa gegen Genitalverstümmelung, Ehren- oder Mitgiftmord, sondern stellt fest, dass weltweit fast jede dritte Frau Opfer von Gewalt wurde und dass laut einer Studie Gewalt für Frauen zwischen 15 und 44 Jahren eine der Hauptursachen von Tod und Invalidität ist. Der UN Trust Fund zur Unterstützung von Aktionen zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen hat sich die Bewusstmachung und Bekämpfung aller Formen und Ursachen von Gewalt gegen Frauen zum Ziel gemacht, darunter auch illegaler Frauen- und Mädchenhandel, Gewalt gegen Frauen in Kriegszeiten und als Kriegsmittel und häusliche Gewalt, welche in allen untersuchten Ländern ein verheerendes Ausmaß hatte. So war Japan laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO das einzige Land, in welchem weniger als 20% der befragten Frauen von häuslicher Gewalt berichteten. Die Spitze bildete das ländliche Äthiopien mit 71%.

Auch wenn die momentanen Debatten über Zwangsehen und Ehrenmorde ihre unbedingte Berechtigung haben und adäquates politisches Handeln dagegen sowie Unterstützung der Betroffenen dringend benötigt werden, dürfen sie nicht den Blick auf die Tatsache verstellen, dass auch in unserer Gesellschaft jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen Lebenspartner erlebt. Eine vergleichende Studie von Monika Schröttle und Stéphanie Condon zu Gewalterfahrungen von Frauen in Deutschland und Frankreich, fand 2006 heraus, dass zwar der Prozentsatz an Frauen mit Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen bei den Befragten mit Migrationshintergrund vergleichsweise höher war als bei den Frauen der Mehrheitsbevölkerung, aber auch bei letzteren immer noch 29% betrug im Vergleich zu 9% in Frankreich. Die Autorinnen der Studie warnen daher vor einer pauschalisierenden innerdeutschen Debatte,

die hier künstliche Polarisierungen zwischen Frauen deutscher und türkischer Herkunft herstellt (und) diese Probleme der Mehrheitsbevölkerung (zu)deckt und () Gleichstellungsdefizite und innerfamiliäre Gewaltprobleme in unzulässiger Weise (kulturalisiert). ((Monika Schröttle: Zwangsverheiratung, Gewalt und Paarbeziehungen von Frauen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland – Differenzierung statt Polarisierung; in: Zwangsverheiratung in Deutschland; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend))

Stattdessen ist es wichtig, die Kräfte und Erfahrungen im Kampf gegen Gewalt an Frauen zu bündeln und die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure so gut wie möglich miteinander zu vernetzen. Ein gutes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist das Projekt Hand in Hand gegen Zwangsheirat, bei dem die Stadt Rotterdam gemeinsam mit der muslimischen Dachorganisation Spior diese gesellschaftliche Problematik angeht ((Das Projekt wurde 2008 auch in Berlin und anderen europäischen Städten gestartet)).


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