inicio mail me! Abonnieren

Autor Archiv

Kommentierte Linksammlung 01/10

Burka, Burka und kein Ende

Nachdem in Frankreich vorerst kein Burkaverbot zustande kommt, in Italien über Burkaverbote nachdenkt, lassen auch deutsche Politiker sich nicht lumpen und fordern nun ein eben solches – im öffentlichen Dienst z.B., wo sich ja bekanntermaßen die Burkaträgerinnen nur so tummeln. Dass die Rufe nach einem Verbot von Burkaträgerinnen in Bussen, der Aufruf sie nicht mehr in Cafes zu bedienen, oder der Ausschluss dieser Frauen von Visa nicht grade angetan sind, Frauen zu befreien oder sie gar willkommen zu heißen erübrigt sich wohl von selbst – es scheint so manchen selbsterklärten Feministen nur zu entgehen. Interessant wäre auch zu erfahren, ob man auch weiterhin die gut zahlenden Patienten und Touristen aus den Golfstaaten dieser Behandlung zu unterziehen gedenkt…

Mit einer Engelsgeduld und einer bewundernswerten Ernsthaftigkeit erklärt Hilal Sezgin in einem Interview und einem Artikel warum solche Forderungen völliger Schwachsinn sind.

Die Burka ist übrigens gar keine Burka, sondern ein Chadri. So zumindest heißen die meist blauen Gewänder, die man von Bildern afghanischer Frauen kennt. Eine Burqa ist eine Art goldfarbene Gesichtsmaske, die traditionell von Frauen in den arabischen Emiraten getragen wird. Eine moderne Adaption der Burqa als Sonnenbrille haben zur Erhaltung dieser Tradition sich Designer aus den Emiraten überlegt.

Die Gesichtsverschleierung hat eine lange Geschichte im nahen und mittleren Osten, die sich hauptsächlich mit dem Islam in Verbindung bringen lässt. Schon Jahrhunderte vor unsere Zeitrechnung lassen sich griechische Gesichtsschleier belegen. Im nahen und mittleren Osten wurden oder werden Gesichtsschleier teils auch von Männern, armenischen Nonnen oder Jüdinnen getragen. Es gibt tatsächlich so etwas wie Textilhistoriker, die sich die Mühe machen, die Geschichte und Bedeutung eines solchen Bekleidungsstückes zu erforschen: “Covering the Moon” von Gillian Vogelsang-Eastwood und Willem Vogelsang ist eine reich bebilderte, ausführliche Arbeit zu diesem Thema.

Wie es sich mit einer Burka bekleidet lebt, wollte die französische Künstlerin Bérengère Lefranc wissen. Mit einem – bezeichnenderweise lilafarbenen – Ganzkörperkleid zog sie durch die Straßen von Paris. “Sie bezeichnet ihre Erfahrungen damit als “die Hölle”. Das lag neben den hohen Temperaturen vor allem an dem offenen Hass der ihr von Passanten begegnete – vor ihr wurde ausgespuckt, ihr wurde der eintritt in den Supermarkt verwehrt und es gab sogar Situationen in denen sie Todesangst hatte. Schönen dank auch an die selbst ernannten Frauenbefreier, das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.

Feminismus und muslimische Frauen

Birgit Rommelspacher hat mit ihrem Artikel über thematische Überschneidungen mancher Feministinnen mit dem Rassismus rechter Parteien eine hitzige Debatte ausgelöst.

Auch die österreichische Journalistin Ingrid Thurner kritisiert in ihrem Artikel “Das Kopftuch: der Stoff, aus dem Vorurteile sind” einen Feminismus, der die Muslimin als Opfer – und nur als das – braucht.

Gründungen

Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen hat seit ein paar Tagen eine eigene Website, auf der Satzung, Ziele und Aufnahmeanträge eingesehen werden können. Eine weitere Gründung kommt aus Frankfurt daher: die Frankfurter Initiative progressiver Frauen, deren Mitglieder Vorbilder für Migrantinnen sein wollen. Mitglieder mit Kopftuch will man explizit nicht aufnehmen, da man “ausdrücklich dem in Deutschland vorherrschenden Klischee der Kopftuch tragenden, unterdrückten, ungebildeten und tief im Islam verwurzelten Migrantin entgegentreten” will, so Ezhar Cezairli. Nun, dieses Klischees ließen sich doch durch Frauen wie die Herzchriurgin Feyzan, die Rechtsanwältinnen Kadriye Aydin
und Marziya Özisli hervorragend widerlegen. Aber darum geht es der Initiative ganz offensichtlich nicht, denn mit einem solchen Ausschluss bestätigt man dieses Vorurteil ja nur.

Kommentierte Linksammlung 10/09

  • Der Prozess um den Mord an Marwa el-Sherbiny hat Anfang dieser Woche begonnen. Eine Zusammenfassung des bisherigen Verlauf gibt es auf Musafira.de.
  • Eine Studie der Evangelischen Hochschule Freiburg kommt zu dem Ergebnis, dass Abtreibungen bei Fraun mit Migrationshintergund häufiger vorkommen, als bei “deutschen” Frauen. Während bei deutschen Frauen die Abbruchquote rund acht Prozent betrage, liege diese bei Frauen türkischer Herkunft bei 19 Prozent und bei Frauen osteuropäischer Herkunft bei 31 Prozent.
  • Die Initiative European Muslim Women of Influence 2010 ruft dazu auf, erfolgreiche muslimische Frauen mit Vorbildfunktion aus Europa zu nominieren.
  • In Österreich haben zwei Jugendliche bei einem Schulausflug das Kopftuch einer muslimischen Schulkameradin angezündet.
  • Ein Architekturbüro lehnt eine Kopftuch tragende Bewerberin ab - wegen “islamistischer Einstellung”. Nach unseren Informationen ist das für Ende Oktober angesetzte Verfahren mittlerweile zugunsten der Klägerin entschieden worden.
  • Hülya Dogan vom Bündnis für Frieden und Fairness (BFF) ist in das Bonner Kommunalparlament gewählt worden.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen

Hier ein sehr schönes Angebot des Antidiskriminierungsnetzwerks Berlin für muslimische Frauen in Berlin. Der Anmeldeschluss ist schon am 09.10.2009.

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color: Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung Rassismus und Islamophobie

Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie

Empowerment-Seminar für muslimische Frauen of Color und Musliminnen mit Migrationshintergrund

Rassismus und Diskriminierung sind alltägliche Bestandteile und „Normalität“ im Leben von Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen of Color in Deutschland. Unter dem Aspekt der Mehrfachdiskriminierung ergeben sich nicht selten verstärkende Ohnmachtserfahrungen, wenn z.B. Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht und Religion zusammenwirken.

Den unfassbaren Mord an Marwa El Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal hat das ADNB des TBB zum Anlass genommen, ein spezielles Empowerment-Seminar gegen Rassismus für muslimische Frauen of Color anzubieten. Der Mord hat vor allem Musliminnen in ihrem Selbstverständnis, ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu sein, tief getroffen und verunsichert. Mit diesem Training möchten wir den betroffenen bzw. potentiell betroffenen Frauen einen geschützten Raum anbieten, in dem es möglich ist, ohne Angst und Scham über eigene rassistische und diskriminierende Alltagserfahrungen als Musliminnen of Color zu sprechen und auszutauschen. In einem weiteren Schritt sollen gemeinsam Handlungsstrategien entwickelt werden.

Dieses Empowerment-Training richtet sich ausschließlich an Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen of Color mit einer familienbiographischen muslimischen Identität, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache und/oder ihres Kopftuches mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert werden.

Empowerment bedeutet die Stärkung der eigenen Person. Ziel dieser Fortbildung ist es daher, in einem „geschützten“ Raum den erlebten und erfahrenen Rassismus, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und den „verinnerlichten“ Rassismus zur Sprache zu bringen. Aber auch bereits vorhandene individuelle Strategien und Wissen gegen Rassismus und Diskriminierung werden im Gruppenprozess ausgetauscht, sich bewusst gemacht, reflektiert und erweitert.

Empowerment wird somit im Sinne von Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung erfahrbar.

Die Fortbildung besteht aus 2 Modulen, die aufeinander aufbauen. Daher ist die Teilnahme an beiden Modulen verbindlich.

Das Seminar findet am 14. – 16.10.2009 (Modul 1) und 04. – 06.11.2009 (Modul 2) täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr statt.

Schriftliche Anmeldung bis zum 09.10.2009 erforderlich (siehe Anmeldebogen unten).

Das Seminar selbst ist kostenfrei, allerdings erheben wir für Snacks, Getränke und Kopien einen Selbstkostenbeitrag von 5 Euro pro Modul.

Trainerinnen:

  • Nuran Yiğit (Diplom-Pädagogin; Projektleiterin ADNB des TBB; HAKRA-Empowerment-Trainerin)
  • Yasmina Gandouz (angehende Diplom-Sozialarbeiterin, Mitarbeiterin im Mädchentreff Bielefeld e.V., Empowerment-Trainerin)

Veranstalter:

  • Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des TBB,
  • Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
  • HAKRA – Projektinitiative gegen Rassismus und Diskriminierung aus der People of Color Perspektive

Veranstaltungsort:
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin
An der Urania 4-10
1. Etage/ Seminarraum R120
10787 Berlin (Schöneberg)

Anmeldung:
Schriftlich per Post, Fax oder E-Mail:
Anmeldeschluss: 09.10.2009

Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin –ADNB des TBB
c/o Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg
Tempelhofer Ufer 21, 10963 Berlin

Tel.: 030/ 61 30 53 28
Fax: 030/ 61 30 43 10

E-Mail: adnb@tbb-berlin.de
Ansprechpartnerin: Nuran Yiğit

Schriftliche verbindliche Anmeldung für beide Module „Stark und Selbstbewusst gegen Diskriminierung, Rassismus und Islamophobie“ unter Angabe von:

Name:
Vorname:
Anschrift, Ort:
Telefon:
E-Mail:
Herkunft/ Migrationshintergrund:
Alter:
Beruf/Tätigkeit/Organisation:

Rezension zu “Burka” von Eva Schwingenheuer

Silvia und ich haben eine Rezension zu den satirischen Karikaturen von Eva Schwingenheuer geschrieben. Viel Spaß beim Lesen!

Film über arrangierte Ehen

Der Film “Arranged” handelt von der Freundschaft einer Jüdin und einer Muslimin und ihrem Weg in eine arrangierte Ehe. Mittlerweile kann man ihn auch auf Youtube sehen. Bei Kübra gibt es mehr zum Film und Ansichten zu arrangierten Ehen.

Kommentierte Linksammlung 06/09

  • Aufgrund ihres Seltenheitswertes, eine Nachricht aus Kanada: Dort ist eine Frau zum Vorstand einer Moschee gewählt worden. Via MuslimahMediaWatch.
  • Eine Berliner Frauenärztin spricht selbstkritisch über Ihre Arbeit mit Frauen, die sich das Jungfernhäutchen operativ rekonstruieren lassen.
  • Die Schweizerin Sura Al-Shawks ist Kapitänin ihres Basektballteams. Nach ihrem Aufstieg in eine höhere Liga, darf sie nun auf Geheiß des zuständigen Verbandes kein Kopftuch mehr tragen.
  • Die Zeit porträtiert Nilüfer Göle – eine türkischstämmige Soziologin an der Sorbonne – und beschreibt ihre Ansichten zum Phänomen “Schleier in der Moderne” und wie sie damit besonders bei Säkularisten im eigenen Land aneckt.
  • Die ehemalige MTV-Moderatorin Kristiane Backer hat eine Biographie über ihren Weg im Islam geschrieben. Einfühlsam, authentisch und lesenswert.
  • Nach einem langen Verfahren darf eine Familie nun endlich ihre Tochter zum Familienurlaub nach Äthiopien schicken. Durch Gerüchte am Arbeitsplatz, den Einsatz einer Anti-Verstümmelungsinitiative und das Jugendamt vor Ort stand die Familie unter dem Verdacht, ihre Tochter im Genitalbereich verstümmeln lassen zu wollen. Zur Teils absurden Argumentation vor Gericht schreibt dieser Artikel bei Politblogger: Schuldig bei Verdacht.
  • Ein Vater ersticht seine Tochter im Schlaf. Möge Allah Büsras Seele gnädig sein, Amin.
  • Endlich politische Lösung für Opfer von Zwangsheirat in Sicht? NRW fordert von der Bundesregierung eine Erleichterung auch für solche Opfer, die sich nicht mehr in Deutschland aufhalten, indem sie leichter an einen Aufenthaltstitel in Deutschland kommen sollen. Leider ist in dem Artikel nur von weiblichen Opfern die Rede. In welchem Maße auch Männer von Zwangsehen bedroht und belastet sind, verdeutlicht ein TAZ-Artikel: Der Mann an ihrer Seite.
  • Rudolph Chimelle kommentiert auf Deutschlandradio die von Sarkozy in Frankreich angeregte Burka-Verbot-Debatte. Sehr gute Analyse!
  • Die Islamkonferenz beendet ihre erste Phase mit Handlungsempfehlungen für den Umgang von Lehrern mit Schwimmunterricht verweigernden muslimischen Eltern. Damit problematisiert die Islamkonferenz ein Thema, dass, laut eigener Studie, eher ein Randproblem ist. Die Tagesschau beleuchtet die (nicht vorhandene) Datenlage und verdrehte Argumentation der Islamkonferenz: Scheindebatte am Beckenrand.
  • Amira El Ahl porträtiert auf Qantara.de Dalia Mogahed, Mitglied des Beraterstabs von US-Präsident Obama für interreligiöse Angelegenheiten: Jede Tat beginnt mit einem Wort.

Neuerscheinung: “Der Stoff, aus dem Konflikte sind”

Im Mai 2009 soll im Transcript-Verlag ein neues Buch zum Thema Kopftuchstreit in Deutschland erscheinen. Es wäre nicht das erste Buch.
Die beiden Herausgeberinnen – Sabine Berghahn und Petra Rostock von der FU-Berlin – sind Mitglieder im Forschungteam des VEIL-Projektes in Österreich, welches die Kopftuch-Debatten, ihre ProtagonistInnen und nationale Unterschiede in den Handhabungen mit dem Kopftuch in acht europäischen Ländern untersucht.

In der Vorankündigung des Verlages heißt es:

Die Kontroversen um das Kopftuchverbot haben gezeigt, dass dabei um mehr als nur ein Stück Stoff gestritten wird. Vielmehr dient der Kopftuchstreit als Projektionsfläche, auf der die verschiedenen Konfliktlinien der Einwanderungsdebatten in Europa sichtbar werden. Dieses Standardwerk lässt namhafte Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die aus rechts-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive erklären, welche Werte und Prinzipien in der Auseinandersetzung um das Kopftuch zur Verhandlung stehen.
Über die deutsche Debatte hinaus gibt der Band Auskunft über den Umgang mit der umstrittenen Kopfbedeckung in Österreich und der Schweiz und gewährt Einblicke in die britischen und französischen Diskussionen.

Richtig gespannt auf das Buch hat mich aber erst die angebotene Leseprobe gemacht. In dem Artikel “Das Kopftuch als das Andere. Eine notwendige postkoloniale Kritik des deutschen Rechtsdiskurses” untersucht Cengiz Barskanmaz die Kopftuch-Urteil deutscher Gerichte dahingehend, welches Bild vom Kopftuch diese Urteile eigentlich festlegen. Ein Zitat aus dem Artikel:

Der Beitrag argumentiert, dass das Kopftuch einem westlichen kulturhegemonialen Vorverständnis unterliegt, dessen Konstruktionen von Islam und Kopftuch auf einer orientalistischen Kolonialtradition aufbauen: Mit dem ›Kopftuchurteil‹ des BVerfG fanden kolonialistisch geprägte Bilder endgültig Eingang in den juristischen Diskurs und wurden mit den nachfolgenden Landesgesetzen auch positivrechtlich verankert. Damit führt der Rechtsdiskurs zu einer Hierarchisierung der Diskursteilnehmer/innen, bei der sich die Kopftuch tragende Muslimin zwar artikuliert, aber nicht gehört und so marginalisiert wird. Daher kann der deutsche Kopftuchdiskurs ohne den historisch-analytischen Bezug auf koloniale Herrschaftsverhältnisse, orientalistische Denkmuster und den hiesigen neorassistischen Antiislamdiskurs nicht angemessen analysiert werden.

Der Artikel ist wirklich lesenswert und lässt auf mehr kritische Auseinandersetzung mit der Debatte auf wissenschaftlicher Ebene hoffen.

Studie zu muslimischen Frauen in London, Brüssel und Turin

Relativ unbemerkt ist im letzten Jahr eine Studie zu muslimischen Frauen in Europa erschienen. Durchgeführt wurde die qualitative Studie mit Teilnehmerinnen aus London, Brüssel und Turin. Geleitet wurde sie von Dr. Sara Silvestri ((London’s City University und Cambridge University, UK)) im Auftrag der König Baudouin Stiftung in Belgien.

Europe's Muslim women: potential, aspirations and challenges Qualitative study based on interviews with Muslim women in Brussels, London and Turin (2008).

Europe's Muslim women: potential, aspirations and challenges Qualitative study based on interviews with Muslim women in Brussels, London and Turin (2008).


Für die Untersuchung wurden insgesamt 49 Frauen interviewt. Die Studie sollte Erkenntnisse darüber liefern, inwieweit der Islam als Religion die Erfahrungen europäischer Musliminnen prägt. Die Studie hatte zum Ziel, die Stimme muslimischer Frauen, ihre Probleme und Sehnsüchte zu erforschen.

Die Ergebnisse der Studie lassen sich laut Zusammenfassung der Autorin wie folgt formulieren:

  1. Es lässt sich keine strikte Gegenüberstellung der Einstellungen muslimischer Frauen in feministisch/modern und konservativ/zurückgeblieben vornehmen. Dies sei unzulässig, da die Befragten angaben, sich freiwillig und mit Zuneigung ihrer Religion zu widmen, gleichzeitig aber kulturalistische Interpretationen muslimischer Gemeinschaften und Führer ablehnten.
  2. Die meisten der Befragten waren europäische Bürgerinnen und fühlen sich Europa, seinen Werten, Gesetzen und politischen Strukturen zugehörig, zeigten sich aber deswegen umso mehr frustriert über Diskriminierungen und Fehlrepräsentationen als unterdrückte willenlose Wesen.
  3. Muslimische Frauen entwickeln laut der Studie vielfältige Potentiale, innerhalb ihrer eigenen religiösen Traditionen und Gemeinschaften Veränderungen anzustoßen.
  4. Die Befragten gaben an nicht unter einschränkenden Gesetzen leben zu wollen wie es derzeit etwas in Staaten wie Iran oder Saudiarabien herrscht. Sie fühlten sich privilegiert in Staaten zu leben, die ihre Recht auf Geschlechtergleichheit, Unterschiedlichkeit und Grundfreiheiten schütze. Sie gaben an, dies auch für ihre Kinder und zukünftige Generationen von Muslimen zu wünschen.
  5. Was die Wünsche muslimischer Europäerinnen für sich und zukünftige Generationen anging, so zeigten sich die Befragten hier als gänzlich normal. Zu ihren Träumen gehört: als Individuen respektiert zu werden, in Frieden zu leben, sich integriert zu fühlen, eine gute Ausbildung zu erhalten, einen angemessenen Job zu bekommen und eine glückliche Familie zu haben.

Die komplette Studie kann man hier kostenlos herunterladen.

Ernsthaft gegen Zwangsheiraten

Vor kurzem gab es auf dem britischen Sender BBC einen Dokumentarfilm über Zwangsverheiratungen britischer Staatsbürgerinnen mit pakistanischem Ursprung zu sehen. Die Dokumentation ist sehenswert: einmal weil sie die erschreckenden Ausmaße anhand aktueller Beispiele vor Augen führt; aber auch weil hier gezeigt wird, wie von staatlicher Seite gegen so ein “Phänomen” erfolgreich vorgegangen werden kann.

In Großbritannien mehren sich die Fälle von Zwangsverheiratungen in den letzten Jahren. Die britische Regierung hat deswegen eine Spezialeinheit zusammen gestellt, die selbst in Pakistan noch tätig werden kann und dort Mädchen und Frauen aus bedrohlichen Situationen befreit. Diese Spezialeinheit wird tätig, wenn sie eine Nachricht über eine bevorstehenden oder bereits vollzogene Eheschließung unter Zwang erhält. Die Einheit arbeitet in Pakistan mit der dort ansässigen Polizei zusammen, die den Mitarbeitern und den Mädchen und Frauen Schutz gewähren, während versucht wird, die Situation mit der Familie zu klären. Im Film werden verschiedenen Lösungsmöglichkeiten gezeigt, aber immer wird versucht, den direkten Kontakt zu dem Mädchen herzustellen. Dies erweist sich oft als schwierig, da es von der Familie versteckt gehalten wird. Gelingt der Kontakt, wird dem Mädchen angeboten, sofort im Schutze der Spezialeinheit zurück nach Großbritannien zurück zu kehren. Gelingt der Kontakt nicht werden die Eltern oder involvierte Verwandte von dem in Pakistan zuständigen Gericht immer wieder dazu aufgefordert, mit dem Mädchen vorstellig zu werden.

Die Spezialeinheit besteht zu einem großen Teil aus Briten pakistanischer Abstammung, die sich sehr gut mit den kulturellen und administrativen Gegebenheiten in Pakistan auskennen. Es gibt zudem ein Schutzhaus, in dem die Frauen erst einmal unterkommen können, psychologische Beratung und unkomplizierte Hilfe bei der Erstellung neuer Reisedokumente, da die Reisepässe oft von der Familie versteckt werden.

Die Dokumentation ist vor dem Hintergrund der deutschen Diskussion auch besonders interessant, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland ein ähnlich gelagertes Problem mit Zwangsverheiratungen gibt. Wenn man dann allerdings die Maßnahmen, die der Deutsche Staat ergreift ((Hebung des Zuzugsalters neuer Ehepartner auf 21 Jahre und Deutschtests vor der Einreise.)) mit denen des britischen Staates vergleicht, dann fragt man sich wirklich, ob es dabei ernsthaft um die Bekämpfung von Zwangsehen geht, oder nicht vielmehr um einen willkommenen Vorwand unliebsame Einwanderer los zu werden.

Wie man in der Dokumentation gut sehen kann, ist es für eine Rettung der Mädchen und Frauen eine Zusammenarbeit staatlicher Stellen unerlässlich. Nur so können Gesetze – auch in der Türkei ist Zwangsheirat verboten – auch wirklich in die Praxis umgesetzt werden. Es ist ein Trauerspiel, dass wirkliche Hilfestellung für Betroffene von Zwangsheiraten in Deutschland meist nur von ehrenamtlichen Vereinen erfolgt, die zudem noch nicht einmal staatlich gefördert werden, sondern auf Spendengelder angewiesen sind.

Die Dokumentation kann man hier in 6 zehnminütigen Teilen ansehen:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Zwangsheirat a la francaise

Vor einigen Monaten machte eine Meldung aus Frankreich die Runde: “Französische Gericht annulliert Ehe weil Frau keine Jungfrau mehr ist”.

Was war passiert?

Den Nachrichten war zu entnehmen, dass ein junges muslimisches Paar aus Nordfrankreich geheiratet hatte und die junge Braut dem Bräutigam in der Hochzeitsnacht gestand, nicht mehr – wie im Vorfeld angenommen – Jungfrau zu sein:

Der Ehemann sah sich von seiner Frau in einer “wesentlichen Eigenschaft” getäuscht, weil sie ihm vor der Hochzeit versichert hatte, noch Jungfrau zu sein.

Andere Berichte geben gruselige Details der Hochzeitsnacht wider:

In der Hochzeitsnacht stellte der Frischvermählte fest, dass seine Frau nicht mehr Jungfrau war – das auf dem Bett ausgebreitete Leintuch zeigte nämlich keine Blutspuren. Der Marokkaner informierte die noch anwesenden Hochzeitsgäste umgehend, dass ihn seine Gattin offenbar angelogen habe. (Quelle: dieStandard.at)

Der Bräutigam hatte noch in der Hochzeitsnacht entdeckt, dass seine rund zehn Jahre jüngere Frau keine Jungfrau mehr war. Wutentbrannt hatte er das Leintuch ohne die erwünschten Blutflecken der Hochzeitsgesellschaft präsentiert und seine Braut in ihre Familie zurückgeschickt. Die junge Frau gab zu, über ihre Jungfräulichkeit gelogen zu haben – und das Gericht annullierte die Ehe wegen dieser Lüge. (Quelle: swr.de)

Gruselig deswegen, weil a) der Ritus des blutbefleckten Bettlakens frauenverachtend und aufgrund seines Eingriffs in die intimste aller Sphären einer Frau zutiefst entwürdigend ist und b) die Öffentlichmachung der “Schmach” vor den Hochzeitsgästen eine Traumatisierung und Stigmatisierung der jungen Braut zur Folge hat.

Der Bräutigam beantragte also eine Annulierung der Ehe aufgrund “der Täuschung in einem wichtigen Wesenszug der Persönlichkeit der Ehefrau”. Das Gericht annullierte aufgrund dieser Begründung die Ehe, was auch dem Wunsch beider Ehepartner entsprach. Der Skandal war aber perfekt. Selbst die französische Justizministerin Rachida Dati, die der Annullierung anfangs noch zustimmte “weil sie die junge Frau schützt”, stellte den Schutz der Frau später hintenan, als es Kritik an dem Urteil hagelte. Ein neues Verfahren wurde angesetzt und nun hat ein Berufungsgericht die Annullierung aufgehoben.

Die vormaligen Beschwörer der islamischen Unterwanderung französischer Rechtstraditionen sind nun wieder ganz im Reinen mit der Justiz ihrer Republik:

In ersten Stellungnahmen von politischer Seite oder von Frauenrechtlerinnen hieß es, das Berufungsurteil wahre die republikanische Landestradition, wonach die BürgerInnen – also Frauen wie Männer – in gleichem Masse Anspruch auf ihre sexuelle Freiheit hätten.(Quelle: dieStandard.at)

Das Schicksal und das Recht der jungen Frau auf ein Verfahren in ihrem Sinne scheint völlig egal zu sein, mal ganz davon abgesehen, dass es bei diesem Verfahren mitnichten um den Anspruch auf sexuelle Freiheit ging ((Das ist bekanntermaßen nicht der einzige Grund aus dem eine Frau ihre Jungfräulichkeit verlieren kann.)), sondern um den Wunsch zweier Menschen eine “falsche” Entscheidung Rückgängig zu machen. Nun sind die beiden weiterhin verheiratet, ganz Frankreich kennt die Details ihrer Geschichte und müssen sich einem womöglich langwierigen Scheidungsverfahren unterziehen bevor wieder an ein “normales” Leben gedacht werden kann. Die junge Frau soll übrigens untergetaucht sein. Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die dieses ohnehin furchtbare Schicksal einer jungen Frau noch einmal missbraucht haben und dies politisch zu verantworten haben, das Rückgrat besitzen, ihr bei einem Neuanfang behilflich zu sein.


Ältere Einträge »