Kommentierte Linksammlung 11/09
Die guten Nachrichten zuerst:
Kein Kopftuchverbot in Rheinland-Pfälzer Schulen
Die CDU scheitert zum zweiten Mal mit einem Gesetzesentwurf
Das Muslimische Seelsorgetelefon erhält den Berliner Präventionspreis 2009. Hier ein Bericht über die Arbeit des Seelsorgetelefons in der Süddeutschen.
Preis für marokkanische Frauenorgansiation
Die Leiterin der Frauenorganisation Solidarité Féminine, Aicha Chenna, hat den mit einer Million Dollar dotierten Opus Prize erhalten. Ein interessanter Bericht über die Arbeit der Organisation in Marokko, die sich vor allem um junge ledige Mütter kümmert. Diese sind häufig Opfer einer Doppelmoral der Gesellschaft: “Die unverheirateten Mütter sind oft die jüngsten Töchter armer Familien vom Land. Sie werden mit sieben, acht Jahren von ihren Familien als Dienstmädchen in Haushalte in der Stadt verkauft”, erklärt Chenna.
Juristin gegen Zwangsheirat
Die Juristin Filiz Sütcü berät und vertritt zwangsverheiratete Frauen. Im Unterschied zu viele anderen, die über Zwangsheirat sprechen, macht sie deutlich, dass die Ursachen nicht in der Religion, sondern in bestimmten über Generationen weitergegebenen Traditionen liegen: “Das war bei uns schon immer so!”
Prozess und Urteil zum Mord an Marwa el-Sherbini
Eine Meldung und ihre Geschichte:
Ganz offenbar waren einige Medien erleichtert, im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Mörder von Marwa al-Sherbini endlich wieder über Muslime als Täter berichten zu können: Der Mordaufruf eines Scheichs veranlasste zu kostspieligen Sicherheitsmaßnahmen. Nur – kein Mensch kennt den Scheich…
Mit dem Widerspruch, dass die Drohungen des späteren Mörders Alex W. unbeachtet blieben, der Aufruf eines unbedeutenden Dorfscheichs aus der ägyptischen Provinz aber zum Anlass für massive Sicherheitsvorkehrungen wird, beschäftigt sich Esther Saoub, ARD Studio Kairo.
Das Urteil ist gesprochen – doch der Hass bleibt
Maryam Dagmar Schatz berichtet über die Aktivitäten islamfeindlicher Webseiten und deren “Ortsgruppen” und macht deutlich, dass der Kampf gegen Islamfeindlichkeit mit dem Urteil gegen den Mörder von Marwa el-Sherbiniy gerade erst begonnen hat.
Rassismus/Islamfeindlichkeit
Eine Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Europa zeigt: Die Zustimmung zu islamfeindlichen Einstellungen ist in allen europäischen Ländern hoch. Ursachen sind nach Ansicht der Wissenschaftler autoritäre Einstellungen, ein subjektives Gefühl der Bedrohung durch Fremde und die Zurückweisung von kultureller Unterschiedlichkeit.
Interview mit Kay Sokolowsky: Rassismus im Gewand der Islamkritik
Sokolowsky über sein Buch “Feindbild Moslem”: “Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt.” Die Wachsende Islamfeindlichkeit habe längst gesellschaftliche Folgen.
Alltagsrassismus: Berichte von Potsdamer MigrantInnen über ihre Erfahrungen im Alltag – wie Pöbeleien auf der Straße, Diskriminierung in der Schule
Meldungen über Übergriffe:
Eine 13-jährige Türkin wurde in der S-Bahn angepöbelt – Fahrgäste griffen ein.
Eine muslimische Studentin wurde in Göttingen wegen ihres Kopftuchs von vier Männern angegriffen, geschlagen und getreten. In diesem Fall griff niemand ein.
Islam in den Medien
Ein bereits etwas älterer Link, der aber an Aktualität nicht verloren hat: Aufzeichnung eines Vortrags von Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, über die Darstellung des Islams in den Medien.
Integration und Dialog
Navid Kermani richtet sich gegen die Konstruktion eines “Wir”, das andere ausschließt: “‘Wir’ müssen den Dialog mit den Muslimen führen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet das für etwa drei Millionen Menschen in Deutschland, dass sie den Dialog mit sich selbst führen müssten.”