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Archiv für February, 2009

Neuerscheinung: “Der Stoff, aus dem Konflikte sind”

Im Mai 2009 soll im Transcript-Verlag ein neues Buch zum Thema Kopftuchstreit in Deutschland erscheinen. Es wäre nicht das erste Buch.
Die beiden Herausgeberinnen – Sabine Berghahn und Petra Rostock von der FU-Berlin – sind Mitglieder im Forschungteam des VEIL-Projektes in Österreich, welches die Kopftuch-Debatten, ihre ProtagonistInnen und nationale Unterschiede in den Handhabungen mit dem Kopftuch in acht europäischen Ländern untersucht.

In der Vorankündigung des Verlages heißt es:

Die Kontroversen um das Kopftuchverbot haben gezeigt, dass dabei um mehr als nur ein Stück Stoff gestritten wird. Vielmehr dient der Kopftuchstreit als Projektionsfläche, auf der die verschiedenen Konfliktlinien der Einwanderungsdebatten in Europa sichtbar werden. Dieses Standardwerk lässt namhafte Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die aus rechts-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive erklären, welche Werte und Prinzipien in der Auseinandersetzung um das Kopftuch zur Verhandlung stehen.
Über die deutsche Debatte hinaus gibt der Band Auskunft über den Umgang mit der umstrittenen Kopfbedeckung in Österreich und der Schweiz und gewährt Einblicke in die britischen und französischen Diskussionen.

Richtig gespannt auf das Buch hat mich aber erst die angebotene Leseprobe gemacht. In dem Artikel “Das Kopftuch als das Andere. Eine notwendige postkoloniale Kritik des deutschen Rechtsdiskurses” untersucht Cengiz Barskanmaz die Kopftuch-Urteil deutscher Gerichte dahingehend, welches Bild vom Kopftuch diese Urteile eigentlich festlegen. Ein Zitat aus dem Artikel:

Der Beitrag argumentiert, dass das Kopftuch einem westlichen kulturhegemonialen Vorverständnis unterliegt, dessen Konstruktionen von Islam und Kopftuch auf einer orientalistischen Kolonialtradition aufbauen: Mit dem ›Kopftuchurteil‹ des BVerfG fanden kolonialistisch geprägte Bilder endgültig Eingang in den juristischen Diskurs und wurden mit den nachfolgenden Landesgesetzen auch positivrechtlich verankert. Damit führt der Rechtsdiskurs zu einer Hierarchisierung der Diskursteilnehmer/innen, bei der sich die Kopftuch tragende Muslimin zwar artikuliert, aber nicht gehört und so marginalisiert wird. Daher kann der deutsche Kopftuchdiskurs ohne den historisch-analytischen Bezug auf koloniale Herrschaftsverhältnisse, orientalistische Denkmuster und den hiesigen neorassistischen Antiislamdiskurs nicht angemessen analysiert werden.

Der Artikel ist wirklich lesenswert und lässt auf mehr kritische Auseinandersetzung mit der Debatte auf wissenschaftlicher Ebene hoffen.

Zimmer mit Frau

Nawal Samarai ist vor ein paar Tagen von ihrem Amt als Frauenbeauftragte der irakischen Regierung zurückgetreten. Die Begründung ist interessant: mit einem Budget von max. 7500 Dollar im Monat und mit so gut wie keinerlei Autorität ausgestattet, ließe sich einfach nichts ausrichten. Die Ärztin war den Posten mit hohen Zielen angetreten, sah sie doch eine Chance den zahllosen Witwen und anderen Frauen zu Hilfe zu kommen, die von Krieg und seinen Folgen besonders betroffen sind. Nadia Ibrahim, ein weiteres irakisches Parlamentmitglied beschreibt den Posten folgendermaßen:

Es ist gar kein richtiges Ministerium, es ist nur ein Zimmer, mit einer Frau, ohne Budget und Mitarbeiter. Es ist eine Finte.

Samarai selbst berichtet, dass Präsidenten Mailki stets in eine andere Richtung schaute oder sie einfach nur anlächelte, wenn sie nach mehr Autorität oder Geld fragte.

Die Posten in den Ministerien sind in der Regel gut bezahlt, weitere Vergünstigen wie neue Autos und Häuser gehören auch dazu. Dies sei ein Grund warum so wenige Politiker sich beschweren. Nawal Samarai kehrt dem nun den Rücken und kehrt zurück nach Mosul in ihre Praxis, wo sie wahrscheinlich mehr ausrichten kann.

Ehrenmord im Tatort

Beim Tatort ist man im letzten Jahr scheints recht bemüht gewesen, eigene Tabus in der Thematisierung von Gewalt im “Migrantenmillieu” zu brechen. So kommt es heute Abend zum mittlerweile vierten “Türkentatort”. Hier wird das Thema Ehrenmord aufgegriffen – passend zum Jahrestag des Mordes an Hatun Sürücu und zur bevorstehenden Urteilsverkündung im Falles des Mordes an Morsal O. ((Die Klassifizierung dieses Falles als “Ehrenmord”, wird von der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichs in Frage gestellt, handelt es sich doch nicht um einen von der Familie in Auftrag gegeben oder zumindest gebilligten Mord. Einen Artikel dazu gibt es hier. Obligatorischerweise sei bemerkt, dass die Tat deswegen nicht weniger verabscheuenswert ist.)) Das Drehbuch zu diesem Tatort mit dem Titel “Familienaufstellung” schrieben Thea Dorn und Seyran Ates. In einem Interview mit den beiden in der Welt gibt Thea Dorn bekannt, wie sie zu der Idee zu diesem Tatort kam:

Der Sender wollte mich gern wieder engagieren, aber erst als Seyran anfing, mir in den Ohren zu liegen, gab ich mir den entscheidenden Ruck. Und natürlich musste auch die Zeit reif sein. Vor “9/11″ hätte sich kein Sender an einen Film herangetraut, der sich mit Gewalt in der türkisch-muslimischen Community beschäftigt.

Interessant ist nicht nur, dass hier Seyran Ates als die treibende Kraft hinter dem Drehbuch scheint, sondern, dass ein direkter Zusammenhang hergestellt wird zwischen “Gewalt in der türkisch-muslimischen Community” und religiös-extremistischen Terroranschlägen. Die dahinterstehende Assoziationskette ließe sich folgendermaßen umreißen:

  1. Gewalt in türkischen (gleichzusetzen mit muslimischen) Familien ist spezifisch und unterscheidet sich deshalb grundsätzlich von Gewalt in Familien anderer Nationalitäten/Religionen.
  2. Diese Gewalt hat also ihre Ursache in der Nationalität/Religion.
  3. Die Täter des elften Septembers waren auch Muslime, die Gewalt ausübten.
  4. Wir haben es hier mit zwei Konstanten zu tun: Islam und Gewalt, also schließen wir “Islam gleich Gewalt” und am bequemsten auch gleich umgekehrt.

Frau Ates erzählt im Interview, wie sie Frau Dorn in Vorbereitung auf das Thema öfter auf Feste in der “türkischen Community” mitgenommen habe. Frau Dorn ist in diesem Zusammenhang um eine Erkenntnis reicher geworden:

Bei vielen dieser Veranstaltungen war ich unter 300 Leuten die einzige ohne Migrationshintergrund. Lustig, wenn ich dann am nächsten Tag wieder mal in der “taz” las, es gäbe keine Parallelgesellschaften.

Lustig finde ich, dass sie zu dieser Erkenntnis erst auf einer türkischen Hochzeit kommt. Ich fand z.B. schon auf meiner Abitur-Ehrung komisch, dass sich dort niemand mit Migrationshintergrund wieder fand, obwohl meine Heimatstadt einen hohen Ausländeranteil aufweist.

Frau Dorn legt eine erschreckende Unkenntnis über das Funktionieren von Stigmatisierungen und Rassimus an den Tag, wenn sie im Welt-Interview folgendes Statement von sich gibt:

Wir halten ja auch nicht alle Gärtner für Mörder, nur weil sie uns in zig Krimis als solche gezeigt wurden

Im Falle des Gärtners ist es ja nie das Gärtnersein, das ihn zum Mörder macht. Im Falle von so genannten Ehrenmorden wird aber in der öffentlichen Debatte – und ich vermute auch in diesem Krimi – das Türkischsein bzw. Muslimsein als Ursache für eine Neigung zum Mord an Familienmitgliedern festgemacht. Traurig, dass man so etwas noch erklären muss.

Es gab schon ein paar Rezensionen zu dem Film. Im Cicero zeigt sich Josef Girshovich wenig begeistert von dem Film:

Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack. Dorn und Ateş geben sich Müde, die Krise junger Frauen mit Migrationshintergrund zu erfassen. Dabei geht es um mehr als bloße Kritik an traditioneller Lebensweise, an Zwangsehen, an unterwürfigen Frauen. Diesmal wird der Islam als solcher angegriffen. Schaut her, will uns “Familienaufstellung” zeigen, es ist die Ideologie des Islam, die selbst junge Frauen in den Abgrund treiben kann. Ist der Islam tatsächlich “zurückgeblieben”? Irgendwie wird man da das Gefühl nicht los, es gehe in “Familienaufstellung” um eine persönliche Abrechnung mit dem Islam, statt um einen kritischen Dialog mit einer großen monotheistischen Religion.

Im Kölner Stadtanzeiger geht Tilmann P. Gangloff auf Handlung und Botschaften des Films ein:

Auch unter Designer-Kopftüchern, so die streitbare Anwältin Ilhan kann sich fundamentalistisches Gedankengut verbergen.

Eine für viele schwer zu verdauende Wahrheit ist allerdings, dass sich fundamentalistisches ((Mal davon abgesehen, handelt es sich bei der Rechtfertigung von Mord bzw. der Haltung Mord sei eine Lösung für familiäre Probleme, nicht um eine fundamentalistische religiöse Einstellung, sondern um ein tradiertes Verhaltensmuster.)) Gedankengut auch unter einer schicken Kurzhaarfrisur “verbergen” kann. Auch eine weitere Wahrheit möchte ich nicht unerwähnt lassen (sie ist nicht neu): Solch Gedankengut lässt sich überhaupt nicht am Aussehen festmachen, auch wenn Frau Ates uns das immer wieder gerne weiß machen möchte.