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Archiv für November, 2008

Kopftuchstudien

An dieser Stelle sammeln wir Links und Hinweise auf Studien (auch Teilbereiche) zum Thema Kopftuch, Motivationen und Weltanschauungen der Trägerin, Lebenswelten und Diskrimierungserfahrungen Muslimischer Frauen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird ständig erneuert:

  1. Das Kopftuch – die Entschleierung eines Symbols
    von Frank Jessen und Dr. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (2006) für die Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführt, Befragung von 315 muslimische Frauen mit Kopftuch.
  2. Harald Klier, Antidiskriminierungsstelle im Büro des Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg (2002): Diskriminierung von muslimischen Frauen, Ergebnisse einer Befragung in Brandenburg, Potsdam.
  3. Canan Korucu (2004): Selbst- und Leibilder junger Kopftuch tragender Musliminnen türkischer Herkunft in Berlin – Eine qualitative Studie anhand von Leitfadeninterviews, Magisterarbeit Berlin.
  4. Dr. Schirin Amir-Moazami (2004): Politisierte Religion – Der Kopftuchstreit in Deutschland und Frankreich, Bielefeld transcript.
  5. Yasemin Karakasoglu-Aydin (2000): Muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen, Iko-Verlag für Interkulturelle Kommunikation.
  6. Muslime in Deutschland“, Bundesinnenministerium (Dezember 2007).
  7. Katherine Bullock (2002): Rethinking Muslim Women and the Veil: Challenging Historical and Modern Stereotypes, International Institute of Islamic Thought.

neuer Artikel: Gegen die Wand

Es ist nicht immer ganz einfach für Frauen, in einer Moschee zu beten. Sie suchen sich den ihnen zugestandenen Platz in getrennten Räumen, hinter Wänden oder auf Emporen – und manchmal kommen sie gar nicht rein.
Über Erfahrungen muslimischer Frauen mit der Moschee, Ansichten zur Geschlechtertrennung und der daraus resultierenden Absonderung oder gar Ausschließung von Frauen aus dem Gemeindeleben schreibt Kathrin Klausing:
Gegen die Wand

Zwangsheirat a la francaise

Vor einigen Monaten machte eine Meldung aus Frankreich die Runde: “Französische Gericht annulliert Ehe weil Frau keine Jungfrau mehr ist”.

Was war passiert?

Den Nachrichten war zu entnehmen, dass ein junges muslimisches Paar aus Nordfrankreich geheiratet hatte und die junge Braut dem Bräutigam in der Hochzeitsnacht gestand, nicht mehr – wie im Vorfeld angenommen – Jungfrau zu sein:

Der Ehemann sah sich von seiner Frau in einer “wesentlichen Eigenschaft” getäuscht, weil sie ihm vor der Hochzeit versichert hatte, noch Jungfrau zu sein.

Andere Berichte geben gruselige Details der Hochzeitsnacht wider:

In der Hochzeitsnacht stellte der Frischvermählte fest, dass seine Frau nicht mehr Jungfrau war – das auf dem Bett ausgebreitete Leintuch zeigte nämlich keine Blutspuren. Der Marokkaner informierte die noch anwesenden Hochzeitsgäste umgehend, dass ihn seine Gattin offenbar angelogen habe. (Quelle: dieStandard.at)

Der Bräutigam hatte noch in der Hochzeitsnacht entdeckt, dass seine rund zehn Jahre jüngere Frau keine Jungfrau mehr war. Wutentbrannt hatte er das Leintuch ohne die erwünschten Blutflecken der Hochzeitsgesellschaft präsentiert und seine Braut in ihre Familie zurückgeschickt. Die junge Frau gab zu, über ihre Jungfräulichkeit gelogen zu haben – und das Gericht annullierte die Ehe wegen dieser Lüge. (Quelle: swr.de)

Gruselig deswegen, weil a) der Ritus des blutbefleckten Bettlakens frauenverachtend und aufgrund seines Eingriffs in die intimste aller Sphären einer Frau zutiefst entwürdigend ist und b) die Öffentlichmachung der “Schmach” vor den Hochzeitsgästen eine Traumatisierung und Stigmatisierung der jungen Braut zur Folge hat.

Der Bräutigam beantragte also eine Annulierung der Ehe aufgrund “der Täuschung in einem wichtigen Wesenszug der Persönlichkeit der Ehefrau”. Das Gericht annullierte aufgrund dieser Begründung die Ehe, was auch dem Wunsch beider Ehepartner entsprach. Der Skandal war aber perfekt. Selbst die französische Justizministerin Rachida Dati, die der Annullierung anfangs noch zustimmte “weil sie die junge Frau schützt”, stellte den Schutz der Frau später hintenan, als es Kritik an dem Urteil hagelte. Ein neues Verfahren wurde angesetzt und nun hat ein Berufungsgericht die Annullierung aufgehoben.

Die vormaligen Beschwörer der islamischen Unterwanderung französischer Rechtstraditionen sind nun wieder ganz im Reinen mit der Justiz ihrer Republik:

In ersten Stellungnahmen von politischer Seite oder von Frauenrechtlerinnen hieß es, das Berufungsurteil wahre die republikanische Landestradition, wonach die BürgerInnen – also Frauen wie Männer – in gleichem Masse Anspruch auf ihre sexuelle Freiheit hätten.(Quelle: dieStandard.at)

Das Schicksal und das Recht der jungen Frau auf ein Verfahren in ihrem Sinne scheint völlig egal zu sein, mal ganz davon abgesehen, dass es bei diesem Verfahren mitnichten um den Anspruch auf sexuelle Freiheit ging ((Das ist bekanntermaßen nicht der einzige Grund aus dem eine Frau ihre Jungfräulichkeit verlieren kann.)), sondern um den Wunsch zweier Menschen eine “falsche” Entscheidung Rückgängig zu machen. Nun sind die beiden weiterhin verheiratet, ganz Frankreich kennt die Details ihrer Geschichte und müssen sich einem womöglich langwierigen Scheidungsverfahren unterziehen bevor wieder an ein “normales” Leben gedacht werden kann. Die junge Frau soll übrigens untergetaucht sein. Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die dieses ohnehin furchtbare Schicksal einer jungen Frau noch einmal missbraucht haben und dies politisch zu verantworten haben, das Rückgrat besitzen, ihr bei einem Neuanfang behilflich zu sein.

Lesetipp: Verschleierte Wirklichkeiten

Das preisgekrönte Buch von Christina von Braun und Bettina Mathes gibt es jetzt bei der Bundeszentrale für Politische Bildung zum vergünstigten Preis von 4 Euro. Aus dem Inhalt:

Mit Beispielen aus Kultur, Geschichte und Literatur beleuchten die Autorinnen die Beziehung der Frau zum Islam aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie gehen der Geschichte des Schleiers und anderer religiöser Sinnbilder in Judentum, Christentum und Islam nach, untersuchen die Geschlechterordnungen und verweisen auf aktuelle Tendenzen des Fundamentalismus in allen Glaubensrichtungen. Die Autorinnen konstatieren, dass sich in der Sichtweise auf die “andere” Welt vor allem das Selbstverständnis des Westens offenbart und plädieren für eine differenziertere Wahrnehmung der Rolle der Frau im Islam.

Gewalt gegen Frauen kennt keine Kulturgrenzen

Unterschriftensammlung!

Violence against women and girls continues unabated in every continent, country and culture. It takes a devastating toll on women’s lives, on their families, and on society as a whole. Most societies prohibit such violence — yet the reality is that too often, it is covered up or tacitly condoned.

UN Secretary-General Ban Ki-Moon, 8 March 2007

“Gewalt gegen Frauen und Mädchen besteht unvermindert auf jedem Kontinent, in jedem Land und jeder Kultur. Sie fordert einen verheerenden Tribut vom Leben der Frauen, ihren Familien und von der Gesellschaft als Ganzem. Die meisten Gesellschaften verbieten solche Gewalt – in der Realität jedoch wird sie zu oft verdeckt oder stillschweigend geduldet.”
So äußerte sich der UN Generalsekretär Ban Ki-Moon am 8. März 2007 und startete am 25. Februar 2008 während der Sitzung der VN-Frauenrechtskommission in New York, eine mehrjährige Kampagne, um die Bemühungen gegen Gewalt an Frauen weltweit zu intensivieren.

Zum 25. November diesen Jahres soll Ban Ki-Moon eine Liste mit 1 Million Unterschriften gegen Gewalt an Frauen und Mädchen überreicht werden. Bis zum 24. November kann die Kampagne daher noch mit einer Online-Unterschrift bei www.saynotoviolence.org unterstützt werden.

Die Kampagne von Unifem richtet sich nicht nur gegen Gewalt an Frauen in nicht-europäischen Ländern und Traditionen, wie etwa gegen Genitalverstümmelung, Ehren- oder Mitgiftmord, sondern stellt fest, dass weltweit fast jede dritte Frau Opfer von Gewalt wurde und dass laut einer Studie Gewalt für Frauen zwischen 15 und 44 Jahren eine der Hauptursachen von Tod und Invalidität ist. Der UN Trust Fund zur Unterstützung von Aktionen zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen hat sich die Bewusstmachung und Bekämpfung aller Formen und Ursachen von Gewalt gegen Frauen zum Ziel gemacht, darunter auch illegaler Frauen- und Mädchenhandel, Gewalt gegen Frauen in Kriegszeiten und als Kriegsmittel und häusliche Gewalt, welche in allen untersuchten Ländern ein verheerendes Ausmaß hatte. So war Japan laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO das einzige Land, in welchem weniger als 20% der befragten Frauen von häuslicher Gewalt berichteten. Die Spitze bildete das ländliche Äthiopien mit 71%.

Auch wenn die momentanen Debatten über Zwangsehen und Ehrenmorde ihre unbedingte Berechtigung haben und adäquates politisches Handeln dagegen sowie Unterstützung der Betroffenen dringend benötigt werden, dürfen sie nicht den Blick auf die Tatsache verstellen, dass auch in unserer Gesellschaft jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen Lebenspartner erlebt. Eine vergleichende Studie von Monika Schröttle und Stéphanie Condon zu Gewalterfahrungen von Frauen in Deutschland und Frankreich, fand 2006 heraus, dass zwar der Prozentsatz an Frauen mit Gewalterfahrungen in Paarbeziehungen bei den Befragten mit Migrationshintergrund vergleichsweise höher war als bei den Frauen der Mehrheitsbevölkerung, aber auch bei letzteren immer noch 29% betrug im Vergleich zu 9% in Frankreich. Die Autorinnen der Studie warnen daher vor einer pauschalisierenden innerdeutschen Debatte,

die hier künstliche Polarisierungen zwischen Frauen deutscher und türkischer Herkunft herstellt (und) diese Probleme der Mehrheitsbevölkerung (zu)deckt und () Gleichstellungsdefizite und innerfamiliäre Gewaltprobleme in unzulässiger Weise (kulturalisiert). ((Monika Schröttle: Zwangsverheiratung, Gewalt und Paarbeziehungen von Frauen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland – Differenzierung statt Polarisierung; in: Zwangsverheiratung in Deutschland; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend))

Stattdessen ist es wichtig, die Kräfte und Erfahrungen im Kampf gegen Gewalt an Frauen zu bündeln und die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure so gut wie möglich miteinander zu vernetzen. Ein gutes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist das Projekt Hand in Hand gegen Zwangsheirat, bei dem die Stadt Rotterdam gemeinsam mit der muslimischen Dachorganisation Spior diese gesellschaftliche Problematik angeht ((Das Projekt wurde 2008 auch in Berlin und anderen europäischen Städten gestartet)).

Amtlich: auch Baskenmütze fällt unter Kopftuchverbot

Welch absurde Blüten das Kopftuchverbot für Lehrerinnen treiben kann, zeigt das nun bekanntgewordene Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts zu einer Lehrerin, die im Unterricht eine Baskenmütze trug:

Die deutsche Staatsangehörige muslimischen Glaubens hatte sich juristisch gegen die Bezirksregierung Köln als Schulbehörde zur Wehr setzen wollen, die ihr das Tragen einer Kopfbedeckung im Klassenraum untersagt hatte.

In dem vorliegenden Fall sei die Mütze aber als “Surrogat” für ein Kopftuch ebenfalls als religiöses Symbol zu werten, entschied das Gericht.

Man fragt sich was passiert, wenn muslimische Lehrerinnen nun anfangen, Perücke zu tragen… und wann der ganze Spuk einmal ein Ende haben wird. Denn mit der Argumentation kann ja praktisch alles als ein “Surrogat” für das Kopftuch gelten, egal ob Hut, Haarband, Glatze oder eben Perücke. Ausschlaggebend ist hier nur noch die Identität der Trägerin als muslimische Frau.

Nafisa.de online

Nach einigen Auf- und Umbauarbeiten sind wir nun endlich online.

Wir – das sind Kathrin Klausing, Silvia Horsch und Nina Mühe – haben uns entschlossen, einige Anliegen der “AG Muslimische Frau in der Gesellschaft” weiter zu verfolgen, die seinerzeit die Seite Muslimat-Berlin betrieben hat. Uns war immer besonders wichtig einen Beitrag in der noch immer anhaltenden Diskussion um muslimische Frauen in der (deutschen) Gesellschaft zu leiten – einen Beitrag von muslimischen Frauen selbst. Dies wollen wir nun mit einer neuen Seite angehen. Auf www.nafisa.de wollen wir über unsere Arbeit, Ansichten und Ergebnisse informieren. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: Erstens möchten wir uns am gesellschaftlichen Diskurs über den Islam und muslimische Frauen beteiligen. Schon oft haben wir uns an einseitigen Debatten und tendenziöser Berichterstattung zu einer Reihe von Themen gestört und wollen deshalb unsere Sicht der Dinge in die Diskussion bringen.

Gleichzeitig sind wir aktiv an innerislamischen Diskussionen um das Thema Frau und Geschlechterverhältnis beteiligt und wollen dies auf nafisa einerseits dokumentieren und andererseits kontrovers diskutieren. So hoffen wir eine Diskussion voran zu bringen, indem wir u.a. auf Aspekte hinweisen, die unserer Meinung nach zuwenig berücksichtigt werden.

Wir werden weiterhin die Inhalte der “AG muslimische Frau in der Gesellschaft” auf unseren Seiten zur Verfügung stellen und auch den Newsletter weiterführen. Schicken Sie uns also weiterhin Hinweise zu interessanten (wissenschaftlichen) Veranstaltungen zum Thema Islam oder Frauen in Deutschland. Wenn Sie den Newsletter nicht mehr beziehen möchten, lassen Sie uns dies per Mail wissen.

Wir starten unser neues Projekt mit einem Artikel von Nina Mühe zu den Reaktionen, die eine Broschüre des Berliner Senats gegen die Diskriminierung von kopftuchtragenden Frauen hervorgerufen hat:

Mit Kopftuch – zu Recht? – Außen vor?